Was ist die Rhön so schön… (Teil 1 von 2)

Am 2. April war es ja richtig warm, Grund genug sich in die etwas kühlere Rhön zu verziehen.

Ausserdem war ich durch 3x Grippe hintereinander und sonstigen Kalamitäten (zb. ein fetter Abszess am Auge und entsprechend vollgepumpt mit Antibiotika) reif für die Insel.

Also gegen meine Gewohnheiten mal ganz früh raus weil das geliebte Eheweib in der Steinwand klettern wollte. Um das ordentlich zu dokumentieren, hab ich noch ein Stativ eingepackt um eventuell davon eine kleine Filmdokumentation zu erstellen. Naja – bis ich mit packen fertig war, war ich auch wieder fertig und Karin fühlte sich auch nicht sonderlich tatendurstig. Irgend ein Getränk am Vortag muss schlecht gewesen sein, nur welches?

Kurz hinter Neuhof ist mir dann eingefallen, dass Rhönkenner Uwe mir mal was von einem idyllisch gelegenen See geschrieben hat. Dank moderner Technik ist es kein Problem, von unterwegs aus auf seine eMails zuzugreifen. Also runter von der Strasse und das Netbook aufgeklappt was jämmerlich piepsend von „Leerer Akku“ sprach um sich sofort wieder abzuschalten. Macht nix, dafür haben wir ja ein Android-Mobiltelefon was mir prompt aus der Hand gefallen ist und sich in Einzelteile zerlegt auf dem Asphalt präsentierte.

Die alten HTCs sind zum Glück sehr robust, nach Zusammebau und einer Kippe konnte ich wieder ins Internet. Aber wie hiess der See nun? Ah – gefunden. Und wärend der Suche bin ich auf die Kaskadenschlucht gestossen, die sehr verheissungsvoll aussah. Also neues Ziel ins Navi eingetragen und weiter in die Rhön vorgeprescht.

So kurz vor Gersfeld sprach das Weib, dass eigentlich Zeit wäre für einen kleinen Imbiss und so wurde dort das erste gefundene Lokal angesteuert. Die Speisekarte war gutbürgerlichdörflich klein: Schnitzel in 7 Variationen, davon 3 von denen ich weiss dass sie nur mit ausgeknautschter Logistik den Weg von der Küche zum Gast essbar überstehen. Ich traute dem Frieden nicht und wir schwenkten um zum Kreuzberg – der „gerade mal um den nächsten Hügel“ lag.

Sommerfrischler

Ich war erstaunt, was da Samstag um die Mittagszeit herum schon für ein Betrieb war. Wie man auf dem Bild sieht, war die Aussenanlage mehr als gut bestückt. Wenige gingen, viele kamen und zwischen der Pforte und dem Bratwürstelstand war ein emsiger Ameisenpfad an Bierkrugträgern.

Anscheinend ist der Andrang zur Spiritualität (oder besser gesagt dem Klosterbier) in den letzten Jahren stark angewachsen, denn der Platz vor der alten Pforte ist mittlerweile mit einem geschlossenen Holzvorbau versehen worden um den zahlreichen Pilgern bei schlechtem Wetter Schutz zu bieten wenn sie sich in eine der zahlreichen Warteschlangen einreihen.

Das Kloster Kreuzberg ist längst in der irrealen Welt des Jahres 2011 angekommen und ein rentabler Wirtschaftsbetrieb geworden. Wenn man sich mal durch die Menschenmassen geschoben hat, landet man in einem rustikalen Bau der viel „German Gemutlichkeit“ ausstrahlt. Im Gegensatz dazu steht die Kantine welche eher eine mit preussischer Präzision geführte Großküche ist. Dieser Kontrast lässt einen immer wieder staunen.

Ein paar gebellte Kommandos der Kassenwächterin genügten, um in Windeseile einen Teller mit dampfender Haxe, Klösse und Beilagensalat (für meine Frau), eine kleine Brotzeit mit Hausmacher Wurst (für mich) sowie ein nettes Lächeln aus dem ein „das macht dann zwölfeuroachzig“ sang zu zaubern.

Wir zogen es vor, unsere Mahlzeit im Foyer zu verspeisen. Denn draussen tobte das bierseelige Volk und drinnen waren die beiden kleinen Gaststüblein lautstark besetzt.

Ausnahmsweise mal leer

Meine karge Mahlzeit (ausgesprochen Lecker übrigens) erforderte wenig Aufmerksamkeit und hatte daher viel Zeit, mir das turbulente Treiben anzuschauen.

Am Pfeiler gegenüber aßen zwei junge Leute, die anscheinend auf einer grösseren Rekordwanderung waren. Denn Essen konnte man das nicht mehr nennen – sie schaufelten wie die Heizer auf der Titanic ihre Nudeln in den Mund dass mir schwindelig wurde. Danach noch ein Bier, wortlos den Rucksack umgeworfen und herausgetrabt.

Links von mir an der Ecke zwei beleibte Männer im Kellner-Livree, die schweigend ins Gespräch vertieft mit einer fast an Lethargie grenzenden Behäbigkeit den ständigen Zu- und Abfluss der Touristen beobachteten. Aber nur scheinbar, denn immer mal wieder wurde blitzeschnelle der Raum von herumstehenden Tabletts und deren vollen Abstellregale bereinigt. So rückwirkend frage ich mich schon ob die irgendwie ein besonderes Kellnerbier mit wahlfreier Zeitbeschleunigung haben.

Das Volk kam, staute sich, verlief sich und manchmal war sogar klösterliche Ruhe die mir eine Meditation über das Stück Leberwurst vor mir erlaubte. Karin und ich verdrückten die letzten Reste von unseren jeweiligen Tellern und dann nix wie raus, weg vom geschäftigen Treiben der Stube.

Kreuzweg?

Nun – ich unten, oben der Berg. Dazwischen Treppe und der Anfang eines Kreuzweges. Ich meinte zaghaft zu meinem Weib, dass man da bestimmt in Serpentinen entlang irgendwelcher Heiligenbildchen hochlaufen kann – aber es gab keine Gnade, ich musste die Treppe hoch.

Unterwegs fragte ich mich, wer nun schlechter dran war: Jesus hatte kein Übergewicht, aber das Kreuz – wärend ich es im Kreuz und im Übergewicht habe. Zudem wurde mir meine Jacke, die dicke Hose und die Tasche mit der Fotoausrüstung lästig (auch so Probleme, die es vor 2000 Jahren nicht gab).

Wärend ich mich mit Pausen den Weg hochschleppte, spang ein Kind um mich herum was ständig von ganz oben nach ganz unten, von ganz unten nach ganz oben und wieder zurück rannte – ständig seinen (eigentlich auch recht sportlich aussehenden) Vater aufforderte, es ihm gleich zu tun. Und zwei Treppenplätze unter mir ein Herr, der noch gemütlicher und mit noch mehr Pausen meine persönliche Via Dolorosa hinauf stieg.

3 Kreuze hab ich gemacht als ich oben war

Naja – irgendwann war ich oben und lies mich auf einer steinernen Bank nieder (auf der man normalerweise sein Gebetsbuch ablegt) um für paar Minuten zu verschnaufen.

Blick vom Kreuzberg - ganz hinten im Dunst die Wasserkuppe

Der Kreuzberg ist ein alter Vulkanschlot der Rhön und dessen Gipfel über die Zeitenläufte von Wind und Wetter entsprechend abgefeilt. Trotzdem empfand ich das Plateau als relativ klein – oder besser gesagt es ist überlaufen weil sich hier viele Wander- und Radwege kreuzen. Wir liefen eine Weile im Schatten des mächtigen Senders Kreuzberg über die Moose der Hochrhön um dann wieder schnellsten Weges (ich hasse Treppen!) wieder nach unten zu gelangen.

Noch mehr Zombies

Auf dem Weg vom Kloster zum weiter unten liegenden Parkplatz (es war so 13:30 Uhr) liefen wir plötzlich gegen eine Horde Zombies mit unverständlicher Sprache die sich auf den zweiten Blick als eine Ausflugsgesellschaft aus den Niederlanden entpuppte, gefolgt von einer Schaar Rentner welche auf zwei bis drei Beinen oder auch auf 4 Pneus via Omnibus das Lokal erstürmten.

Ich hoffe, dass ich in diesem Alter noch genauso rüstig bin.


Wieder am Auto angekommen stellten sich uns zwei essentielle Fragen: a) Wo ist die Ausfahrt und b) Wohin fahren wir als nächstes?


Davon mehr im nächsten Teil…

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