Anfängerfehler (oder: warum hier im Blog gerade Pause ist)

Die wichtigste Regel für einen Fotografen ist es, die Kamera dorthin zu halten wo was passiert.

Die zweitwichtigste Regel: mache das nie, wenn Du keinen Überblick über das Geschehen hast.

Vor 14 Tagen leistete der TGS Bieber in Wächtersbach sein erstes Handballspiel nach der Winterpause und ich als „Haus- und Hoffotograf“ natürlich mit dabei. Nette Halle dort, aber beschissenes Licht und vorallem kam der Schiri nicht bei. Ich also mit dem Zeitnehmer und Spielern beider Mannschaften geplaudert, vor der Tür noch eine Kippe geraucht und mit dem eintrudelnden Ersthelfer und seinen Verbandskasten („Na, wird das etwa ein hartes Spiel?“) gefrozzelt und mit Familie Straub (deren Sohn in der Mannschaft ist) über Fotografie unterhalten, ein Objektiv verliehen bis das Spiel nach 10min recht unverhofft durch einen „Zauber aus dem Hut“-Schiri angepfiffen wurde.

Also mit 2 Kameras (Kreuzgurt sei Dank) und WalkStool auf meine Position neben dem Tor getrabt. Ich habe nämlich herausgefunden, dass ca. 1m neben den Torpfosten eine tote Zone ist. Keinesfalls wärend der Aufwärmphase (da wird überall, aber nur selten aufs Tor geworfen) aber eine sehr sichere Gegend wärend des Spiels weil man da die Fehlwürfe von der anderen Seite sehr früh erkennt und mit minimalen Körperbewegungen dem Ball ausweichen kann.

Das Spiel – TGS Bieber in der Tabelle weit hinten, TV Wächtersbach ganz oben – wogte hin und her. Die ersten guten Bilder wurden geschossen bis ich feststellte, dass am Tele irgendwas nicht stimmte. Da der Angriff der Bieberer gerade versackte eine gute Gelegenheit die Einstellungen zu überprüfen. Schnell ein paar Schalter am Objektiv geradegerückt und sehe in diesem Moment aus dem Augenwinkel, dass durch einen Abwehrfehler der Ball wieder an Bieber ging. Ein Spieler schnappt sich den Ball auf der anderen Seite, ich reisse das Tele hoch um das Geschehen zu dokumentieren.

Der Ball geht unverhofft weit am Tor vorbei, trifft erst meine Gummitüte vor dem Objektiv, schiebt dann 200mm Brennweite auf 70 zusammen und die Restwucht treibt mir die Augenmuschel der Kamera in die Augenbrauen. Ich habe es erstmal nur einen dumpfen Schlag gespürt und routinemässig auf den Body für den Nahbereich gewechselt. Erst als jemand brüllte „er blutet heftig“ ist mir bewusst geworden, dass da noch mehr los war.

Nette Ersthelfer haben mich dann an das nächstgelegene Waschbecken befördert, auf dem Weg dahin habe ich das Privileg in Anspruch genommen, die Blutspur auf dem Turnhallenboden und nicht auf meinen Klamotten oder Kamera zu verteilen. Im Waschraum hab ich mich erstmal mit viel angefeuchteten Papiertüchern vom Zombie in einen Mensch zurückverwandelt. Der von mir belächelte Verbandskasten hatte eine Kompresse und Leukoplast intus die dann auf der Wunde landeten. Papa Straub klemmte mich dann unter den Arm, um mich von Wächtersbach aus durch die traumhafte Winterlandschaft mit plötzlich einsetzendem Eisregen in die Notaufnahme des Klinikums Gelnhausen zum Nähen zu verfrachten.

Dort angekommen erlebte ich ein Meisterwerk der Versorgung am Wochenende: wärend zwei sichtbar mit Arbeit unterversorgte Twens meinen Fall aufnahmen pendelten die Ärzte und Helfer vom OP-Saal (Abteilung Nähen & Flicken) ins Arbeitszimmer um der Bürokratie den notwendigen Respekt zu zollen indem sie seitenweise Formulare ausfüllten. Je kürzer die Behandlung, um so umfangreicher die Dokumentation – so erschien es mir. Ich unterhielt mich mit meinem Fahrer über die Arbeit und erfuhr, dass er im Klinikum Offenbach schon mal 7 Stunden auf das Nähen einer Wunde und 2 Tage auf die Behandlung einer schweren Kolik warten musste – und das in den letzten 5 Jahren. Als ich schon nach 1 Stunde zum Nähen dran war, fühlte ich mich plötzlich wie ein Privatpatient aus dem Lande der Ölmillionäre.

Ich wurde liegenderweise auf den OP-Tisch verfrachtet und eine der Teenies von der Rezeption entpuppte sich aus Azubine die vom Helfer in die Geheimnisse des OP-Raums eingeweiht wurde. Dabei habe ich gelernt, dass man das OP-Gebiet rasiert, das aber nie bei Augenbrauen macht weil das Gesicht danach unesthetisch unsymmetrisch aussieht. Danach wurde die Auszubildende über die verschiedenen Fäden und Nadelarten aufgeklärt und welche Fäden und Nadeln der Chirurg offensichtlich verwenden wird.

In der Zwischenzeit kam ein Mann (breit wie hoch, Oberarme mit mehr Umfang als mein Unterschenkel, das Gesicht ähnlich eines Türstehers im Frankfurter Bahnhofsviertel) in den Raum der sich als der Chirurg entpuppte. Er stellte sich artig vor und auf meine Frage „Kann man das nicht einfach kleben?“ antwortete er mit erstaunlich sanfter Stimme „Daas ist Wunde tief bis auf Knochän. Ich bereitä Operationsgebiet vor, folgän Sie bitte meinen Anweisungän“. Paar Spritzen später und der Auswahl von ganz anderen Fäden wie geplant wurde ich mit routinierten Stichen zusammengenäht. Der Helfer montierte noch einen Druckverband und gut war.

Die Ruhe hat mir gut getan, ich war wieder einigermassen zusammen und bat den Chirurgen, den Arztbericht auf das Notwendigste zu beschränken. Zum einen brauch ich im Ernstfall nur einen Nachweis darüber dass ich zusammengeflickt wurde und zum anderen füllte sich die Ambulanz schlagartig mit Knochenbrüchen weil der Eisregen draussen einige Rentner und sonstige Unvorsichtige aufs Glatteis geführt hat.

Zurück nach Wächtersbach wo der Favorit mit 24:29 besiegt wurde. Annemarie warf mir schnell noch meinen Fotorucksack zu, ich säuberte meine zugeschneite Karre notdürftig von Schnee und dann nichts wie weg hier.

Mit Tempo 60 auf mächtig zugeschneiter Autobahn ging es dann nach Hause. So hinter Gründau hat die örtliche Betäubung entgültig nachgelassen, die Nähte juckten und brannten. Ausserdem merkte ich, dass ich doch eine grössere Gehirnerschütterung eingefangen hatte denn mir wurde kotzübel. Aber die Augen waren noch klar, also weitergezockelt.

Zuhause hab mir mein geliebtes Eheweib auf die Schnelle einen Hotdog gebastelt, den ich mit Heißhunger verschlang. Noch eine Flasche Bier, zwei Ibuprofen als Prophylaxe, E-Mail dass es mir gut geht und ab ins Bett.

Ich war 3 Tage relativ unfähig, nach einer Woche hat mir Doc Ganzer noch schnell vor seinem Urlaub die Fäden gezogen und jetzt geht es wieder.

Boing Boing

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2 Kommentare zu Anfängerfehler (oder: warum hier im Blog gerade Pause ist)

  1. opatios sagt:

    Das kommt davon, wenn man sich als Fotograf im Kampfgebiet aufhält… 😉
    gut dass nichts schlimmeres passiert ist. Narben?

  2. Bernd Hohmann sagt:

    2,5cm langer Winkelriss, ob das Narben gibt weiss ich nicht. In meinem Alter aber wahrscheinlich 🙁

    Bernd

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