Das Fernsehen der Zukunft

Das NDR Medienmagazin ZAPP hat die Bemühungen der Macher durchleuchtet, Fernsehformate der Zukunft zu definieren. Das Video ist hier zu finden, der Beitrag geht ab Minute 22 los.

Grösstenteils denken die Verantwortlichen über mehr Interaktivität mit dem Zuschauer nach (vulgo: nicht nur die Glotze sondern auch die Bildschirme von Tablet und Smartphone belagern). Mehr Feedback, mehr Interaktion zwischen Sendung und Zuschauer. Grauenhafte Vorstellung – zumindest für mich. Jeder kennt doch die Radio- und Fernsehsendungen, wo grenzdebile Zuschauer via Telefon in die Sendung gelassen werden um irgendein Gestammele „also ich bin der äh… Horst, äh.. Horst Vollhorst mein Name und ich rufe aus äh.. äh.. einem völlig uninteressanten äh.. Ort in Deutschland an. Meine äh.. Meinung ist dass äh äh und überhaupt die äh.. Neger und die Parteien an allem Schuld sind„. Taugt zum Fremdschämen, bringt aber keinen weiter.

Zuerst sollten die Fernsehmacher (und auch deren Kollegen vom Radio) das allgemeine Niveau heben, wieder sauber recherchieren und den Sabbel halten wenn es nichts zu berichten gibt.

Das Radioprogramm von hr-info berichtete z.B. vor 3 Tagen über den Tornado in Oklahoma. Jeder Reportage wurde der Audiotrailer „Tornado in Oklahoma – Katastrophe Menschengemacht“ (oder so ähnlich) vorangestellt und ich habe bestimmt 2 Stunden erfolglos gewartet dass mir jemand von HR Inforadio erklärt, wo da was „Menschengemacht“ ist. Wollte der Hessische Rundfunk auf die besseren „Bretterbuden“ hinweisen, in denen die Bevölkerung dort lebt und die von einem Lufthauch umgeworfen werden? Ein riesiger Brummkreisel, der sich mit 90 Metern pro Sekunde dreht, saugt auch Massivhäuser aus Beton weg. Oder wollte der HR subtil darauf hinweisen, dass der (natürlich) menschengemachte Klimawandel mehr Tornados verursacht? Davon will die NOAA nichts wissen. Im aktuellen Tornadobericht schreibt die U.S.-Behörde im Abschnitt „Historical Records and Trends“ dass Tornados nicht durch automatisierte Messgeräte erfasst werden können und sich die scheinbare Zunahme daraus ergibt, dass durch ein dichteres Meldenetz auch kleinere Tornados erfasst werden.

Was wollte der HR mir also sagen? Vermutlich einfach auch mal bisserl Sabbeln und Panik schüren. Naja – ich höre eh lieber BR5 Aktuell oder den Deutschlandfunk da bin ich bislang von den größten Auswürfen verschont geblieben.

Was könnten Radio und Fernsehen denn noch so verbessern, wenn es um das Thema „Internet“ geht?

Als erstes die Mediendesignerschwachköpfe von ARD bis ZDF rausschmeissen welche für die Homepages verantwortlich sind und das Geblitze, Geschiebe und Geflashe weglassen.

Dann den Kram mal Anwenderfreundlich machen. Für einen Programmierer ist so ein Fernsehprogramm was einfaches: „23.05.2013 20:00 Tagesschau“ ist die eine Sortierung, „Tagesschau 20:00 23:05.2013“ die andere. Suche ich nach „Tagesschau 20:00“ bekomme ich im Idealfall eine Liste aller Tagesschauen von heute bis zum 26.12.1952 sortiert nach Uhrzeit und Datum – idealerweise dahinter noch Stichworte der Themen. Anklicken, fertig. Ich wette, dass die meissten Sendungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten bereits digitalisiert und somit vor dem Verfall gerettet sind.

Bleibt das Problem, dass die Sender ihr Material nur eine bestimmte Zeit online halten dürfen. Na kommt ihr ÖR-Säcke – ihr klagt doch schon wegen geringerer Sachen, geht das mal ordentlich an damit der 12. RÄStV wieder geändert wird und alle Sendungen sauber indexiert im öffentlichen Digitalarchiv landen und jederzeit im Zugriff sind.

Speicherplatz sollte nicht so sehr das Problem sein, Digitale Bandaufzeichnung mit fast verlustfreier Kompression wird im Broadcasting-Bereich schon lange angewendet und die ganzen alten Schwarz-Weiss Sendungen „PAL 4:3“ sehen selbst nach deftiger Kompression noch richtig gut aus. Und den aktuellen Kram – naja, da muss halt abgestuft werden: die Tagesschau von heute ist auch mit 6 MBit/s Videostream noch in 100 Jahren auswertbar.

Und dann (ich kann es nicht oft genug sagen): recherchieren, abwägen, die Wahrheit herauslösen und Mythen entzaubern statt das nachzuplappern, was gerade „in“ ist oder sich auf selbsternannte VollspastikerExperten zu verlassen. Hätten wir richtig gute (Wissenschafts)Journalisten, wäre Greenpeace bereits mit der Brent-Spar untergegangen und es hätte auch kein „Le Waldsterben“ gegeben.

Wie war das in der letzten Sendung von ZAPP? „Nach dem Feuer auf einem Schiff im Hamburger Hafen fragen Journalisten nach gefährlicher Fracht. Dass radioaktive Stoffe an Bord waren, kommunizieren Behörden lange nicht. Und weiter „Unweit eines brennenden Schiffes feierten Tausende den Kirchentag mit dem Bundespräsidenten. Derweil wusste die Feuerwehr anhand der Frachtliste längst, welche brisante Fracht an Bord war: Radioaktive Stoffe, die die Lungen verätzen können, Ethanol, Waffen – unter anderem„.

Den Teilsatz „Radioaktive Stoffe, die die Lungen verätzen können“ muss man sich alleine schon mit längst vergangenem Chemie-Schulwissen auf der Zunge zergehen lassen. Klar dass es sich bei diesem Stoff um Uran(IV)-fluorid (Uranhexafluorid) handelt. Uran ist ein Metall, Metallhexafluoride sind starke Oxidationsmittel – sowas will man weder auf der Haut haben, geschweige denn einatmen. Dass das Zeug (je nachdem, wie stark das Uran angereichert wurde) mehr oder weniger stark strahlt kommt noch dazu.

Liebe aufgeregte Redakteure von ZAPP: Was hätte die Feuerwehr in Hamburg denn ihrer Meinung nach „kommunizieren“ sollen? Die Brandbekämpfer wären auf der Pressekonferenz genau bis zum Satz „Auf dem Schiff wird Uran…“ gekommen und dann wären alle Pressevertreter in die Redaktionen gestürmt um über die „kommende atomare Verseuchung der Hansestadt und aller Teilnehmer des Kirchentages“ zu blöken. So hat die Einsatzleitung der Wehr erkannt, dass die Situation im Griff ist und sich an „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ gehalten – und das war an dieser Stelle auch gut so.

Der Hauptfeind des Fernsehens (also des richtig ordentlich begleiteten Fernsehens) ist übrigens Youtube, wo man auch mal Meinungen einholen kann die schon den aktuellen und auch nächsten Stand der Forschung repräsentieren. Der Spruch „3x pro Tag Obst“ ist mittlerweile als wenig hilfreich – geschweige denn heilsam – enttarnt. Das „Enfant Terrible“ der Nahrungsmittelindustrie ist zb. Udo Pollmer, er auf Youtube seinen eigenen Channel hat und nicht so ganz den althergebrachten Predigten über gesunde Ernährung folgen möcht (darum mag ihn auch nicht jeder).

Meine Forderung an das Fernsehen der Zukunft sind also:

1) Schmeisst eure Einnahmen nicht für Effekte aus dem virtuellen Fenster. Von dem Geld des riesigen Touch-Screens, wo Dennis Wilms irgendeinen Beitrag starten kann, könnte man auch jemanden bezahlen der genauer und tiefer zuarbeitet. Ich brauch auch keinen deutschen Ex-Astronauten, der für eine Anmoderation persönlich nach Australien reist wärend der Rest des Beitrags von der BBC übernommen wird.

2) Glaubt keinen aufbereiteten Zahlen, hinterfragt – auch in die Richtung, welche nicht gerade im Trend liegt.

3) Bedienbare Homepages, Offenlegung der Videoarchive

4) Vergesst den Kram mit der Interaktivität, überlasst das der Pornoindustrie und RTL2.

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