Nabelhernie

Den kleinen Nabelbruch hab ich mir ja schon vor mehreren Monaten diagnostiziert, aber darauf angesprochen meinte der beste Hausarzt von allen am Montag, dass ich das mal von einem Chirurgen anschauen lassen soll. Also Anruf im St. Vinzenz-Krankenhaus (der Stätte meiner Geburt) und wollte mir einen Termin in der Chirurgie geben lassen. Die Dame am Telefon fragte „Privat oder Kasse“ (natürlich Kasse, denn eine Privatversicherung will ich mir nicht antun – und umgekehrt wollen sich die Privaten KVs mich auch nicht haben). Darauf hin die Dame „Kommen Sie zwischen 9 und 11 Uhr in die Chirurgische Ambulanz“ und hatte in ihrer Stimme einen dezenten, diabolischen Unterton den ich erst am nächsten Tag so richtig würdigen konnte.

Also heute mediale Vollausrüstung: Amazon Kindle mit genügend Lesestoff (u.a. „Schlechte Medizin – ein Wutbuch“ und ein anderer Schmöker der davon handelt, wie medizinische Studien systematisch gefälscht werden), dazu ein voll aufgeladenes Android-Telefon mit paar neuen Spielen drauf.

Quer durchs Hanauer Baustellenchaos, Auto im Parkhaus abgestellt und zum Empfang um mich nochmal zu vergewissern dass die Chirurgische Ambulanz mit der zentralen Notaufnahme gleichzusetzen ist. Also dort um 10:30 Uhr brav vorgestellt und vorsichtig ins Journal geschielt: nur 5 Patienten vor mir, vielleicht noch 3-4 Notfälle dazu und ich müsste in einer Stunde wieder draussen sein. Mehr als „muss operiert werden“ wird eh nicht herauskommen, die Frage ist halt „wann“.

Nach Rücksprache mit der Empfangsdame bin ich erstmal für eine Weile in die Nachbarschaft zu meinem Urologen verschwunden – der hat dort eine äusserst pfiffige Dame sitzen, die Unmögliches auf dem kleinen Dienstweg erledigen kann. Gemütlich zurückgelaufen, da war es erst 11 Uhr.

Aus 11 Uhr wurde 12 Uhr und das erste Buch hatte ich dann durch. Ich bekam Hunger, aber der Empfang beschied mir, mich nicht allzuweit zu entfernen. Ich entschloss mich, die Zeit mit dem degustieren des Patienten-Mineralwassers zu vertreiben – aber als ich den Getränkewagen gefunden hatte, gab es keine Plastebecher mehr. Macht nichts, die Wasserflaschen waren ja auch leer und keine barmherzige Schwester weit und breit, die das aufgefüllt hätte.

Ich versuchte es mit Meditation, schlief dabei aber immer ein. Wäre mir ja auch egal, aber blöderweise fange ich an zu schwitzen wenn ich im Sitzen einicke, also wurde es nur ein sanftes herumduseln.

Es wurde 13 Uhr, alles vor und nach mir in der Warteschleife war mittlerweile wieder draussen als in der Chirurgie die Chefarztsprechstunde begann. Ein Mann, ca. 40 Jahre, früh ergraut mit Stock versuchte seiner Sitznachbarin ein Streitgespräch über die Benachteiligung von Kassenpatienten zu führen. Von wegen „Chefarzt“ und so weiter.

Ich persönlich kann auf den Chefarzt verzichten. Zwar setzt man auf diesen Posten bevorzugt hochqualifizierte Ärzte, wenn man aber weiss, das sich dieser Personenkreis sich nicht nur permanent weiterbilden muss sondern auch die geballte Bürokratie sowie die Personalleitung und Aus-/Weiterbildung seiner Untergebenen am Hals hat, dann spreche ich lieber mit einem untergeordneten Arzt der sich auf seinen Job konzentrieren darf.

Mittlerweile hat das Personal hinter mir gewechselt und ich per Mail, SMS und Telefon meine heutigen Termine abgesagt, verschoben oder delegiert.

Ich drehte eine kurze Runde im kleinen Park vor dem Klinikum und sah einen Berber, der auf einer der vielen Bänke in der Sonne seinen Mittagsschlaf hielt.

Zurück im Wartebereich beobachtete ich die „Halbnotfälle“ – also das, was ein Notfall ist aber noch auf eigenen Beinen stand. Zb. ein Handwerker in voller Montur, dem etwas den Rücken aufgeschnitten hat und darauf bestand, dass es kein Arbeitsunfall war.

14 Uhr: ein Königreich für eine Tasse Kaffee. Durch das Fenster sehe ich, wie der eine oder andere Weisskittel eine kurze Auszeit am Kiosk nimmt – vermutlich haben die auch kein Wasser mehr in der Abteilung. Als ich schon mit dem Empfang sprechen wollte irgendeinen Deal zu machen (verschieben auf den nächsten Tag oder so) wurde ich aufgerufen und in Zimmer 2 gesteckt wo ich mich brav auf die Liege setzte – und wieder versauerte.

Ich ärgerte mich, dass ich nicht meinen Notfallkoffer mitgenommen hatte: Laptop, Kopfhörer, Ladegeräte, eine Kanne feinen Tee, Zigarren und Instant-Kaffee (einen Wasserkocher findet man auf jeder Station) sowie paar belegte Brote, Obst und Gemüse.

Nach 20 Minuten kam eine resolute Dame rein und erlärte mir in einem Ton, den jedem Generalmajor der Bundeswehr zur Ehre gereicht hätte, dass ich im falschen Zimmer bin und nochmal im Wartesaal Platz nehmen soll. Am liebsten hätte mir ein Tarzanröckchen angezogen und wäre Bananenwerfend durch die Halle getobt. Leider hatte ich weder Röckchen noch Bananen und verweilte daher in Agonie bis ich wieder aufgerufen und nach Zimmer 1 verfrachtet wurde.

Da stand nämlich der Sonograf der anscheinend für die Untersuchung benötigt wird. Zum Glück war das Fenster etwas offen und so setzte ich mich in den Lufzug, um seelig vom Hanauer Smog umfächelt einzuratzen bis der Chirurg mich vorsichtig weckte und nach meinem Notfall fragte. Ich murmelte nur was von „Nabelhernie“ und „OP-Termin“. Handschuhe an, Nabel betasten, „hm hm hm“, Handschuhe aus. 30 Sekunden ungefähr, dann begann der Schriftkram der weitaus länger dauerte. Der Chirurg füllte mit einer weitschweifigen Schrift, die mich an das Hocharabisch des 12ten Jahrhunderts erinnerte – nur das hier von links nach rechts die Bögen schwebten, ein Formular aus in dem letztendlich auch nur drinstand „Nabelhernie, Operieren, vermutlich mit Netz“.

Dann gemeinsam vor zum Tresen wo noch weiterer Papierkram zu tun war (hier erfuhr ich die Vorteile eines Kassenpatienten: die müssen insgesamt nur 10 Unterschriften leisten, die Privatpatienten 18).

Wie lange ich nun das Krankenhausbett hüten soll, konnte mir keiner sagen – auch nicht die „ich weiss alles besser“-Dame von der Terminplanung, die ich im Anschluss besuchen durfte. Ich hab den OP-Termin mal auf Donnerstag legen lassen in der Hoffnung, dass der Arzt bei der Visite am Freitag mich rauslässt. Ansonsten hab ich verdammt schlechte Karten, denn am Wochenende sind Entlassungen selten und ich müsste bis Montag warten.

Fazit: für einen relativ simplen Vorgang habe ich 4,50 Stunden vertrödelt und bin danach so kaputt wie nach 2 Tonnen Steineschleppen: Rückenschmerzen und Muskelkater wegen verkrampften Sitzen auf den kleinen Stühlen. Ich hau mir jetzt paar Ibus rein und versuche den sch**ss Tag in Apfelwein zu ertränken.

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Ein Kommentar zu Nabelhernie

  1. opatios sagt:

    Oh, da war ich ja noch richtig gut dran… ich habe vorgestern den Fehler gemacht, zur „offenen Sprechstunde“ der chirurgischen Praxis, Beginn 15 Uhr, erst um 15:15 Uhr zu erscheinen. Wieder draussen war ich, nach Untersuchung (inkl. Hemdablegen und anschliessendem wieder Anziehen unter drei Minuten) so um 17:30 Uhr, mit OP-Termin für den Folgetag.
    Heute gehts dann zur Verbandskontrolle.

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