Der Nabel der Welt (Nabelhernie Teil 3)

Donnerstag, 11:30 Uhr auf der Station K1 des St. Vincenz Krankenhauses. Routiniert bekomme ich von den bienenfleissigen Schwestern ein Bett, ein Hemd und ein Paar ziemlich enge Strümpfe zugewiesen. Nach zwei abgebrochenen Fingernägeln hab ich die dann aber trotzdem über meine Waden bekommen – Anstrengung siegt über Materie. In der Zwischenzeit trudelte noch ein älterer Patient ein, den ich am Tag zuvor wärend einer der vielen Warteperioden kennen gelernt habe.

In den rechten Handrücken wurde noch ein Zugang gepiekst, ordendlich festgeklebt und sorgfältig bandagiert. Häubchen auf den Kopf und dann wurde ich von zwei Schwestern mitsamt Bett quer durch das Krankenhaus gefahren. Nach dem dritten Gang hab ich völlig die Orientierung verloren und landete dann an der Schleuse zum OP-Bereich: Vom Bett wird man erst auf ein Zwischenbrett geschoben und von dort plumpst man etwas unerwartet auf den OP-Tisch. Armstützen links und rechts hochgefahren und dann bin ich erstmal wieder weggedöst weil nix passierte.

Meine letzte Narkose hatte ich noch so in Erinnerung: eine kleine LMAA-Pille, dann Einleitung der Narkose intravenös und dann ist es eh egal. Und die Anästhesistin hatte doch auch gemurmelt, dass man bei mir über den Zugang ordentlich die Narkose einleiten kann.

Stattdessen stülpte mir der Onkel mitten im Halbschlaf so eine blaue Maske über Nase und Mund.

Wer schonmal über einen Atemregeler (auch Lungenautomat genannt – sowas nutzen Taucher, Feuerwehrleute etc.) Luft schnappen durfte, kennt das Prinzip: Man muss bisserl saugen damit das Ventil öffnet, dann kommt mit sachtem Überdruck Luft in die Lunge und dann entsprechend mit etwas Druck ausatmen. Gedacht, getan – saugen, nix passiert, Erstickungspanik, Maske weggestossen und dabei noch Flurane gerochen – mein Ausbilder bei der Degussa hat mich darauf dressiert bei dem Geruch sofort das Weite zu suchen.

In meiner Panikreaktion entgültig aus dem Halbschlaf entgültig erwacht hat mir der Anästhesist vermitteln können, dass er jetzt damit die Narkose einleiten möchte und mit etwas Abstand zwischen Mund/Nase und Maske schnüffelte ich binnen einer angemessenen Sekunde erst das kratzende Zeug in die Lunge und mich selbst dann in Morpheus Arme.

Bis auf den kleinen Lapsus am Anfang lief das dann aber sauber durch. Ich träumte irgendwann von Wasser und dass ich langsam mal auftauchen sollte. An der Oberfläche angekommen schnappte ich ordentlich Luft – OP war durch, der Tubus entfernt. Ich zählte kurz bis 5, Name der Ehefrau? Alles noch da, weiterpennen. Wegen meiner Schlafapnoe gings dann zur Beobachtung auf die Intensivstation, dort durfte ich Vollverkabelt noch an Sauerstoff schnüffeln, mir bisserl Schmerzmittel in die Adern tröpfeln lassen und ZDF angucken. Leider kam die Klimaanlage (sofern es eine gab) nicht so recht mit der Aussentemperatur von 30°C klar – ich lag recht schnell im eigenen Saft. Naja – ehe meine Frau kam (so kurz vor dem Abendessen um 17 Uhr) wurde ich von der Schwester frisch gemacht und das Bett neu bezogen. Zu essen gab es paniertes Hähnchen mit Nudelsalat und Brot, dazu was Süßes – nach 19 Stunden ohne Nahrungsaufnahme hätte ich auch einen Gummiknochen mit Wonne vertilgt. Karin war mit meinem Zustand zufrieden, ich döste weiter vor mich hin – regelmässig irritiert von meinem Nachbarn, dem es aus mir unbekannten Gründen wesentlich schlechter ging: er war voll im Delir, rief ständig nach seiner Frau, um Hilfe oder versuchte sich zu entkabeln um nach Zigaretten und Bier zu suchen.

Was bei dem komplett durchorganisierten Patientenmanagement völlig untergegangen ist: ich habe Diabetes Typ 2, die Pillen dafür musste ich absetzen und noch so einige andere Medikamente, die sich zb. um meinen Blutdruck sorgen. Als Ausgleich war mein Abendessen mit Weissbrot, süßer Marmelade und sonstigem Kram gefüllt, den man eigentlich auch gesunden Menschen nicht hinlegen sollte.

Mir war das egal, Hauptsache leicht verwertbare Kohlehydrate – bis dann eine der Schwestern meinen Blutzuckerspiegel gemessen hat.

Was dann abging, ist schon wieder eine neue Kiste…

Dieser Beitrag wurde unter Hohmanns schlimmste Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.