Endstation C1 (Nabelhernie Teil 5)

Frühstück auf der Intensiv, schön mit Weissbrot und Marmelade – genau das Richtige für jemanden mit Diabetes II.

Danach Verlegung mitsamt Bett von meinem kuscheligen Zweibett-Zimmer auf der Intensivstation in ein geräumiges Vierbett-Kabinett auf der C1, wo ich einen mir bekannten Mitpatienten antraf. Neben ihm lag eine eher stille Person, die sich immer mit dem Mobiltelefon beschäftigte wenn wir beide darüber diskutierten ob und wie sich die Steuerlast nochmal drücken lässt (Ein Schelm der hierbei böses denkt). Später kam noch eine Figur hinzu, die ich unter „Neo-Hipster“ verbuchen würde: ca. 50 Jahre, schwarze Haare mit silbernen Streifen und einem Zöpfchen, jedes Kleidungsstück möglichst quietschig-bunt bedruckt und vom edlen Geblüt. Der Typ gab sich so ultracool dass sich an den Wänden virtueller Rauhreif bildete. Auf sein Leiden angesprochen erzählte er was von 4 gebrochenen Rippen und einem „Unfall“ – vermutlich hat ihn ein Rentner mitsamt seinem Gehabe versehentlich beiseite gewischt.

Mein Windecker Mitpatient erzählte mir von seinem Ford Mustang der er in den USA aufgetrieben hat und nun restaurieren will. Und auch ansonsten ging es bei ihm bevorzugt um alte Autos, Kois, seinen Pool und sonstigen Kram mit dem ich leider nichts anfangen kann (ausser seinem Pool, bei der Hitze verständlich).

Dann kam flink meine Frau vorbei mir Laptop, Telefon, Lesestoff sowie Medikamente zu bringen. Schnell einen online Server geflickt und dann bin ich eine Rauchen gegangen. Nicht, weil mich die Sucht trieb sondern aus Langeweile und weil es bis zur klinikeigenen Raucherecke neben dem Kiosk recht weit ist, muss man schon ordentlich laufen (was bekanntlich Gesundheits- und Verdauungsfördernd ist).

So vertrödelte ich die Zeit bis zum Mittagessen. Meine Zimmerkollegen warnten mich vor der Suppe und vor dem Rest auch. Naja – die Suppe hatte einen Hauch von Spargel, Gemüsebrühe, Mehlschwitze und einem weiteren Verdickungsmittel. Frei nach Asterix: die Qualität eines Krankenhauses richtet sich nach der Qualität des Essens – je schlechter das Essen, um so motivierter sind die Patienten wieder gesund zu werden und das hier ist offensichtlich ein sehr gutes Krankenhaus. Vorher gabs noch ein kurzfristig wirkendes Insulin (warum nicht auch zum Frühstück / Abendessen entzieht sich meiner Kenntnis)

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass ein deutsches Krankenhaus 2,17 EUR per Patient und Tag für die Verpflegung aufwenden darf – für den Preis haben die Köche des St. Vinzenz ordentliche Leistung gebracht. Meine Mithäftlingekranken wussten das weniger zu würdigen und hungerten lieber.

Auf der Station hab ich dann meinen Chirurgen getroffen der mir sagen konnte, was genau gemacht wurde (Netz reinverfrachtet und mit einer Naht nach Mayo verschlossen) – endlich wusste ich Bescheid.

Wie verbringt man den Tag auf der C1? Ich habe ein Buch über manipulierte medizinische Studien gelesen bei dem ich nach 2 Minuten gut wegdösen konnte. Den Fernseher einschalten wollte ich nicht, alles zu viel Action bei gefühlten 38° im Zimmer. Ich machte die Krankenhaustour und fand heraus, dass die Besuchertoiletten paar Zentimeter höher (und damit für mich viel bequemer) sind als das Klo auf unserer Station.

Zum Abendessen ist endlich jemand das mit meiner Diabetes aufgefallen und fürsorgliche Schwestern entzogen meinem mageren Tablett den Joghurt und die Marmelade. Einer meiner Mitpatienten hatte immer noch keinen Hunger und trat mir einen Teil seiner Dosis ab 🙂

Unruhige Nacht bei Tropenhitze und kräftigem durchzug. Unser Hipster beschwerte sich erst über mein Schnarchen um dann selber die Wälder Mitteleuropas abzusägen.

Um 6 Uhr morgens hatte ich die Schnauze voll vom liegen und bin einmal um das Krankenhaus gelaufen um meine Blähungen zu mobilisiere. Dann eine längere Sitzung auf dem Besucher-WC (Samstags frühmorgens ist da nix los) und mit ordentlich desinfizierten Händen zurück auf die Station.

Zum Frühstück gab es dann endlich Roggenbrötchen für mich, Visite im Schnellverfahren. 9 Uhr das geliebte Eheweib aus dem Schlaf geschmissen „Abholen aber flott!“ und mit vorsichtigen Bewegungen meine Sachen gepackt.

Auf dem Heimweg noch einen Abstecher bei der Apotheke wegen großem Pflaster gemacht. Meine Frau parkte an einer der zwei noch möglichen Stelle (nämlich da, wo man nicht parken darf), was recht schnell unsere Ortspolizei auf den Plan rief. Jener stellte sich an die andere mögliche Stelle ins absolute Park- und Halteverbot, lief einmal um mein Auto herum, „Ei da sitzt ja jemand drin!“ und machte die Beifahrertür auf. Ich muss ausgesehen haben wie der lebendige Tod (bei 26°, Windstille und Schmerzen kein Wunder). Erklärbär, „Kein Problem“ und weg war er wieder.

Nach einer Woche gehts langsam. Ich hab zwar immer noch Blähungen und manchmal kneifts rechts im Unterbauch (keine Ahnung woher das kommt), aber das behandeln wir jetzt konservativ mit Ibuprofen 2×400 und gut ist.

Letzten Freitag abend war ich in der Zentralen Notaufnahme um mir die Fäden ziehen zu lassen („Ihr habt sie reingemacht, ihr macht sie auch wieder raus“) – aber da war die Schwester strikt dagegen weil ich a) keinen Termin, b) Kassenpatient und c) ist das Sache des Hausarztes (der das auf seine Kosten machen muss – das Budget für mich ist schon verbraucht wenn ich 1x im Quartal dort nur kurz „Hallo“ sage).

Fazit: Die Krankenhäuser (oder besser gesagt: meine Stichprobe „St. Vinzenz“) sind heute besser organisiert und routinierter als noch vor 5 Jahren. Die Schwestern sind Top und fürsorglich. Sobald es aber um die sonstigen, chronischen Krankheiten des Patienten und seine Pillen geht war es ein Totalausfall. Natürlich gehen Blutdruck und Blutzucker hoch, wenn die entsprechenden Medikamente abgesetzt werden. Ich wusste zwar, was vor der OP abzusetzen ist – aber keiner wusste, was nach der OP wieder eingesetzt werden kann. Statt nun auf den Patienten zu hören (schliesslich ist *er* Experte für seinen Körper) und das in die Visite mit aufzunehmen wird kurzfristig mit Insulin und Notfallmedikamenten herumgepfuscht.

Apropos Visite: eigentlich wäre eine Begutachtung der OP-Wunde und vielleicht Pflasterwechsel mit drin gewesen, bei „Dickbäuchen“ wie mir wird auch eine Sonografie nach der OP angeraten – passierte aber beides nicht.

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