Wir bauen uns einen Skandal

Heute in meiner Heimatzeitung der Aufmacher: „Bedenkliche Inhaltsstoffe“ (1/4 Seite) und auf Seite 8 gings weiter mit „Hormoncocktail im Badezimmer“.

Lasst uns mal schauen, welche Sau durch das Dorf getrieben wird:

Der BUND hat eine Studie veröffentlicht, nach der „30% aller untersuchten Kosmetikprodukte hormonell belastet sind“ (Zitat Webseite). Der BUND („Friends of the Earth“) ist eine 1975 von honorigen Männern wie Horst Stern, Prof. Bernhard Grzimek gegründet Vereinigung zum Schutz der Natur und Umwelt, welche sich recht schnell auf die damals üblichen Horrorthemen Atomkraft und Waldsterben konzentrierte. Auch wenn sich das Thema Waldsterben rückwirkend als eines der größen Medienmärchen in der Geschichte der Bundesrepublik erwies, ist der BUND noch heute mächtig stolz darauf, die erste Panik ausgelöst zu haben.

In der BUND-Studie geht es nicht wie angepriesen um Hormone, sondern um Stoffe die in hinreichender Konzentration eventuell hormonähnliche Wirkung zeigen können – wie z.B. Methylparaben (Konservierungsstoff), Phthalate (Weichmacher) und Bisphenol A (Ausgangsstoff bei der Kunststoffsynthese). Wissenschaftlicher Konsens (WHO, EU-SCCS, BfR) zur Zeit ist, dass die genannten Stoffe in der vorgeschriebenen Anwendung keine relevante hormonelle Wirkung auf den menschlichen Körper haben.

Für was braucht man diese Stoffe überhaupt? Phenole (wie Bisphenol A) braucht man bei der Erzeugung von Kunststoffen an, „Bakelit“ ist zb. ein Phenolharz. Phthalate werden als Weichmacher und Hilfsstoff benutzt, hier muss man sein Augenmerk auf die niedermolekularen Phthalate richten bei denen (in entsprechender Konzentration) eine hormonähnliche Wirkung bekannt ist. Parabene (bevorzugt Methylparaben) wird als Konservierungsstoff benutzt.

Gewappnet mit diesem Wissen schauen wir mal in die BUND-Studie rein:

Der Abschnitt „Jedes dritte Produkt ist belastet“ lautet „Unsere Untersuchung hat ergeben, dass knapp ein Drittel der über 60.000 Körperpflegeprodukte hormonell wirksame Chemikalien enthält. Mit 46 % bzw. 45 % sind die Produkte der Marktführer Beiersdorf (u. a. Nivea) und L’Oréal überdurchschnittlich oft belastet. Dass das nicht sein muss, zeigen Naturkosmetikfirmen, deren Produkte frei von diesen Stoffen sind. Auch konventionelle Anbieter können es besser, zum Beispiel dm: Mit 17 % Belastung schneiden die Eigenmarken der Drogeriekette vergleichsweise gut ab.

Zuerst mal zu den Zahlen: Natürlich hat der BUND nicht 60.000 Produkte eingekauft und im Labor untersucht sondern nur auf die Inhaltsstoffe geschaut (dafür gibt es Datenbanken im Internet bzw. sie stehen auf der Verpackung). Dort sind die Stoffe in der Reihenfolge ihrer Menge aufgelistet, der häufigste „Zusatzstoff“ ist Aqua (also schnödes Wasser), gefolgt von Glycerinen (bei Hautcremes) oder Natriumlaurylethersulfat (bei Shampoos). Der BUND hat also herausgefunden, dass bestimmte Stoffe in der Rezeptur vorhanden sind – aber nicht in welcher Konzentration.

An dieser Stelle hat sich die Studie eigentlich schon erledigt, aber wir schauen uns noch den unausgesprochenen Vorwurf an, dass uns die bösen Großkonzernze vergiften wollen und nur die Naturkosmetik gut ist: Alle Körperpflegeprodukte (gerade Salben) haben das Problem, dass ihr Verderb mit dem Öffnen der Verpackung beginnt. Denn nicht nur unsere Haut sondern auch Bakterien, Hefen und Schimmelpilze finden die Creme im Tiegel als sehr nahrhaft – also muss der Brei in irgendeiner Art- und Weise konserviert werden. Welche Stoffe verwendet werden dürfen, ergibt sich aus Anhang 6 zu §3 der Kosmetikverordnung – zieht man hier die Parabene ab, verbleiben noch jede Menge andere Möglichkeiten. Die Frage ist also nicht „Konservierungsmittelchen ja/nein“ sondern „welches nehme ich“. Daher enthalten auch Naturkosmetikprodukte Konservierungsstoffe, nur sind es andere (und sei es, dass ätherische Öle oder Alkohol zur Rezeptur gehören).

Dass die Marktführer überwiegend auf Parabene setzen liegt daran, dass diese zur Zeit das beste Nutzen-Risikoverhältnis bieten und es ermöglichen, ihre Produkte ohne Reinraumbedingungen herzustellen. Daraus erklärt sich das vermeintlich bessere Abschneiden der Eigenmarken: die nehmen günstigere Inhaltsstoffe und als Konservierungsstoff halt Methylisothiazolinon oder andere Mittelchen, ebenfalls ihre Nebenwirkungen haben.

Damit die dünne Konjunktiv-Suppe überhaupt irgendeine Substanz bekommt, holt der BUND zum Rundumschlag aus: „Da sich die Wirkung der Stoffe aus verschiedenen Quellen im Körper aufsummiert, kann so ein gefährlicher Hormoncocktail zusammenkommen.“ Darüber wird schon lange diskutiert, die WHO hat das mal wieder auf die Agenda gesetzt und soll die Ursache für die Zunahme aller möglichen Krankheiten sein (Diabetes-2, Übergewicht ….). So klar, wie der BUND es darstellt ist da aber noch gar nichts – und zitiert auch noch aus Studien, deren Aussagekraft stark angezweifelt wird (zb. Kortenkamp „State Of The Art Assessment Of Endocrine Disrupters“ 2012). Denn wäre das alles so klar, wie sich der BUND das zusammenreimt könnte man durch das Verbot von zwei Hände voll Stoffen folgende Krankheiten ausrotten: verminderte Spermienqualität bei Männern, Missbildungen der Geschlechtsorgane, Hormonbedingte Krebsarten (oder was man sich darunter vorstellt), verfrühte Pubertäg bei Mädchen, Fettleibigkeit, Diabetes-II, ADHS, Autismus, Lernschwierigkeiten, Allergien und Asthma.

Ansonsten ist diese Studie höchstens als Template für andere Skandal-Mitteilungen zu gebrauchen. Sortiert man die Liste der Inhaltsstoffe nicht nach den 194 Chemikalien der EU-Prioritätenliste „Hormonähnliche Stoffe die irgendwas auslösen können“ sondern nach „Stoffe, die in hoher Konzentration das Erbgut verändern“ hat man schon was fürs nächste Sommerloch.

Wem es Spass macht: der BUND hat eine App fürs iPhone bauen lassen mit der man im Laden Kosmetika auf ihre „Gefährlichkeit“ untersuchen kann. Eine echte Aussagekraft hat diese App nicht, aber wem es Spass macht…

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