Frauenkirche Dresden

Johann Sebastian Bach war ein Rockn’Roller. Neben groovy Orchesterstücken hat er (wie die Musiker unserer und auch vor seiner Zeit) hemmungslos von anderen und vorallem von sich selber abgeschrieben.

Ein recht bemerkenswertes Stück ist die Sinfonia zur „Ratswahlkantate“ welche mittlerweile bevorzugt alleine auf der Orgel statt mit Orchester gespielt wird. Passend zur folgenden Kantate ist die Sinfonia eher „flott“ zu spielen – schliesslich war Bach nie ein Kind von Traurigkeit was man in seinen Adagios sieht: entweder kurz und knapp oder mit Triolen durchsetzt zum das alles aufzumuntern.

Die genannte Sinfonia hab ich in meiner jugendlichen Zeit als Kirchenmusiker an der Orgel in Windecken und Ostheim gerne „a tempi“ geübt, aber in Ostheim an der mechanischen Orgel ist mir nach weniger als einer Minute immer die Puste ausgegangen und in Windecken an der elektrischen Tastatur zeigte sich nach auch schnell ein derber Konditions- und Übungsmangel beim Flug über die Manuale so dass ich das Stück eher wie ein übergewichtiger Marathonläufer ins Ziel gebracht habe.

Als ich endlich neulich die Frauenkirche in Dresden besuchen konnte, übte ein mir unbekannter Organist kurze Passagen aus diversen Stücken für das nächste Konzert. Die Frauenkirche hat einen (von der Akustik gesehen) kleinen gedämpften Innenraum mit viel Luft für Reflektionen nach oben: wahnsinns Akustik. Nur das Wissen um meine Unfähigkeit hat mich davon abgehalten, den Orgelonkel da oben mal mit meiner Interpretation der Sinfonia zur Ratswahlkantate einen Besuch abzustatten (wegreissen vom Orgeltisch und selber draufhauen).

Durch Zufall bin ich auf ein Video gestossen, wo der Cheforganist genau diese Sinfonia in der Frauenkirche spielt: der spielt das genau so eckig wie ich damals – kein Wunder, dass im das Publikum unten fast wegpennt. Nicht witzig für einen festangestellten Organisten, finde ich. Entweder man kann es oder man lässt es.

Wie das ordentlich klingen kann:

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