Die Kellerbar

Susi meinte, ich soll darüber mal berichten…

Wer meine Hütte kennt: die Treppe runter hat in den Keller ist so ein komisches Räumchen angeflanscht.

Und das kam so:

Als meine Eltern mit viel Eigenleistung (heute geht das aufgrund der Vorschriften nicht mehr so locker) ihr Haus gebaut hatten, sollte das an manchen Stellen ganz anders aussehen. Die rechte Seite mit dem Eingang zb. war auf dem Plan leicht anders, es gab zb. keine Treppe nach hinten in den Garten – dafür ein weiteres Fenster für den Werkraum.

bau seite eingang

Als der Bau fertig war, gab es auf wundersame Weise eine voll unterkellerte Treppe bis in den Garten und unter der Treppe einen Partykeller.

Der Legende nach gab es eine Wette zwischen meinem Vater und dem ausführenden Architekten Willi Keissner, der zur gleichen Zeit seinen Bau fertigstellte: wer zuerst eine Kellerbar hat, muss dem anderen eine Kiste Sekt ausgeben (damals eine teure Sache). Also wurde flugs bei uns die Bodenplatte samt Treppe erweitert, hochgemauert, darüber eine fliegende Konstruktion mit Betonbalken und irgendwelchen Bims-Objekten zum Einhängen als Himmel gezaubert. Passende Motivtapete an die nackten Wände, aus Sperrholz, Stroh und Kunstleder (mein Großvater war Sattler) Bänke gebaut, die mit Winkeln an die Wand, einen schmalen Tisch in die Mitte, Theke nach aussen in den Rohbau und noch ehe das restliche Kellergeschoss die Decke hatte gab es die berüchtigte Kellerbar.

Die separate Bodenplatte hat sich über die Jahre leicht gesenkt und das Mauerwerk hat Risse bekommen – aber irgendwann kam das Gebilde mitsamt dem dadurch völlig verzogenen Fenster zur Ruhe.

Vor 3 Jahren hat mir ein lokales Fachunternehmen das alte Butzenglasfenster mit Holzrahmen aus- und ein modernes Sicherheitsfenster mit Kunststoffrahmen eingebaut sodass es nicht mehr gar zu sehr im Keller kalt wurde. Meine Freundin Susi (ihres Zeichens erfahrungsreiche Architektin) warnte gleich: „Wenn das jetzt dicht ist, pass auf dass immer noch gelüftet wird wegen Schimmel.“ Recht hat sie, man sollte so einen alten Bau vorsichtig an die neuen Gegebenheiten gewöhnen.

Jetzt stand an, ob man einfach über die schiefen Wände eine Tapete klebt oder eine minimale Wärmedämmung mit Rigps versucht.

Die beste Architektin von allen plädierte auf Trockenbau, aber mit Lüftungsschlitzen damit es nicht schimmelt. Also über Wochen und Monate in der spärlichen Freizeit sinniert, wie man das am geschicktesten löst – bis irgendwann mein Freund Andy (seines Zeichens Malergeselle auf ständiger Arbeitssuche [das ist eine völlig andere Geschichte]) in seiner herzlichen Art meinte „Uhmmmmm – das ist doch absolut kein Problem, in paar Stunden hab ich da Dachlatten dran und der Rest ist Spielkram“.

Mein Kollege fuchtelte mit Zollstock, Papier und Bleistift herum und verwies mich letztendlich der Baustelle weil ich immer im Weg stehen würde. Nach einer Stunde kam er wieder ins Büro „ich muss mir da nochmal Gedanken machen“ und verschwand bis zum nächsten Morgen. Dort angekommen gings weiter zum Baustoff-Hack für Dachlatten und so komische Nageldübelschrauben, die man heutzutage wohl verwendet.

Ausladen, Werkzeug parat legen und schon legte Andy wie ein Derwisch los. Ich verzog mich wieder ins Büro und hörte dem geschäftigen Bohren und Hämmern im Keller zu. Der Kollege machte bald Feierabend, schliesslich sollte das ganze eher Vergnügen als Last sein und am nächsten Tag um 11 Uhr sollte es mit den Latten an der Decke weitergehen.

Gesagt getan, wir trafen uns im Keller um die Decke zu messen. Ist ja auch ganz einfach: sounsoviel Zentimeter von der Wand weg und irgendwo gibt es in der Mitte eine Platte die geschnitten werden muss. Wir haben gemessen, geprüft, gezeichnet, nochmal gemessen und waren mit dem Ergebnis zufrieden. Alle Löcher in der Decke waren (unter Umgehung der Betonbalken) angezeichnet, musste nur noch gebohrt werden. Das komische Granulatgestein sah nicht aus, als ob es einer hochwertigen Schlagbohrmaschine des Jahres 2013 grösseren Widerstand entgegensetzen würde.

Ich ging wieder ins Büro weil Besuch einer Nachbarin angesagt war. Wir quatschten bisserl herum und ich überlegte gerade, ob Andy nicht ein guter Mitarbeiter für ihre kleine Firma wäre als vom Keller Flüche durch die (geschlossene) Tür drangen, die gar gotteslästlich waren – im Wechsel gefolgt von dem wilden Quieken eines völlig überlasteten Steinbohrers.

Das mit der Empfehlung hab ich daraufhin schnell wieder vergessen und schubste meine Nachbarin vorsichtig aus dem Büro raus um mich dem „Kellerproblem“ zu widmen. Dort hatte Andy nämlich das Problem, dass die Deckenelemente doch schwieriger zu bohren waren als gedacht und meinte, dass seine Flüche mich dazu bewegen würden ihm mal zu helfen. Das mit meinem Meeting hatte er in der Zwischenzeit völlig vergessen, naja: das sind halt so seine Macken. Ich hab (trotz noch nicht so ganz verheilter OP-Wunde, siehe „Nabelhernie“) auch noch paar Löcher in die Decke gestemmt und irgendwann war es soweit: Gipskartonplatten und Decke wurden vereint.

Also eigentlich eine einfache Sache: einer hat Akkuschrauber und paar von den Schraubhammerdübeln im Mund, der Andere hält die Platten an der Decke fest. Ich hab Andy den Vortritt mit dem Schrauber gelassen, schliesslich hat der mehr Erfahrung als ich. Statt sich aber die Schraubhammerdingensdübel irgendwo griffbereit hinzulegen musste er immer auf dem Boden in die Kiste greifen. Zum Glück ist er noch grösser als ich und wesentlich Gelenkiger sodass er mit dem rechten Fußzeh die Platte an der Decke und mit dem rechten Finger den Nachschub am Boden greifen konnte. Irgendwann haben wir gewechselt und meine Methode „Hamster“ mit den Dingenshammerschraubteilen in der Backentasche fand ich irgendwie einfacher.

Der Raum hat nach hinten eine Schräge von oben nach halb unten, das war das schwierigste Stück. Denn trotz allem Messen vorher und Prüfen nachher hatte der Hersteller der Gipskartonplatten eine ganz andere Vorstellung vom rechten Winkel als wir. Ergo lief die Dachlatte von vorne links nach hinten rechts quer über den Spalt zwischen zwei Platten. Verblüffung auf allen Seiten, Ursache ist dass die Wände eher Trapezförmig zulaufen und ich das bislang für eine optische Täuschung gehalten habe. Nützt alles nix, nochmal mit viel Fluchen Löcher in die Decke, mit Resten von Dachlatten paar Stützen links und rechts angebracht und den Rest in eine freischwebende Konstruktion der Sorte „Dame ohne Unterleib“ verbracht. Nochmal 5kg Gips zusätzlich geholt (man glaubt gar nicht, was so eine Konstruktion alles aufnimmt) und dann gings an die Vorderseite.

Da hat sich nämlich herausgestellt, dass der Hausbau tatsächlich quasi um die Kellerbar herum weitergeführt wurde. Wo irgendwelche Gardinenschienen waren, klaffte nun eine Untiefe in der Decke und als die Führung für die alte Theke rausgemeisselt war, gab es ein grösseres Loch mehr. Ausserdem war die Kellerbar eher nach links-hinten, der Rest des Hauses mehr nach quer-vorne geneigt sodass man am besten mit einer optischen Täuschung und viel Gips weiterarbeitet.

Alles kein Problem sagt Andy (der mittlerweile das Doppelte der angesagten Zeit gebraucht hat, wer denkt denn bei sowas auch an widerspenstige Decken und schiefe Wände?) – haben wir gleich. Die beiden Durchgänge wurden mit Plattenresten, Putzwinkeln und viel Gips versorgt, die Gesamtkonstruktion war an jeder Stelle gerade und im rechten Winkel – blöderweise im Gesamteindruck krumm und schief. Hier bisserl schieben, da hämmern, nochmal 5kg Gips und irgendwann wars einfach gleichmässig schief aber fürs Auge gerade. Kollege hat mir großzügig das Schleifen überlassen, was eigentlich ganz einfach ist: der Schwingschleifer hat nämlich einen Anschluss für einen Staubsauger und damit kann man recht dreckfrei arbeiten.

Leider verstopft der feine Gipsstaub binnen weniger Minuten den Staubsaugerbeutel sodass das Gerätegeräusch recht schnell von Dur nach Müll wechselt und ich ständig zwischen Keller und Mülleimer changieren musste.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen senkte sich recht schnell ein Gipsschleier über alles was im Keller war (incl. meines Elektroniklabors). Erschwerend kam dazu, dass so manche Ecken einen mehrtägigen-mehrlagigen Aufbau erforderten und ich irgendwann auch keine Lust mehr hatte ständig Gipsbröckchen zu husten (als Raucher ist man viel gewöhnt, aber das geht zu weit!).

Fehlt nur noch…. Schon vergessen? Richtig: die Lüftungsschlitze. Susi meinte, am Boden und an der Decke die Platten hinreichend mit Abstand zu versehen – aber das war mir Ingenieurstechnisch zu einfach. Also hab ich mir „Möbellüftungsgitter“ en masse und von meiner Nachbarin ein altes Stück feiner Gardine besorgt. Die Gardine wurde kreisförmig mit 45mm Radius ausgeschnitten und jeweils hinter so ein Gitter mit 4 Uhu-Tropfen geklebt damit die Spinnen weder rein noch raus können. War zusammen mit meiner Frau an einem Abend erledigt.

Ich hatte mir auch schon einen 45mm Lochbohrer von GoOn besorgt, aber der hat nach dem zweiten Versuch eher ein „Unrund“ als ein „Rundloch“ produziert. Zum Glück kennt Andy jemanden der jemanden kennt der sowas hat 🙂

Also mit meinem Aua-Bauch Turnübungen gemacht und an den Wänden unten sowei oben jeweils mittig in den Platten die Bohrposition angezeichnet und dann mit der „RattattatRengdengdeng“ einen Amoklauf durch die Kellerbar veranstaltet. Als ich wieder zu mir gekommen bin hab ich auch einen Teil der Innenwände mit Löchern versehen – die brauchen das eigentlich nicht, aber damit es ein einheitliches Muster gibt hab ich noch paar Löcher mehr gebohrt (weils so schee war!).

Dann noch bisserl hier gespachtelt, da geschliffen bis auch der kritische Andy beim Kaffe meinte „hey, es ist nur ein Abstellraum – lass gut sein“ und mischte fröhlich die Farbreste aus meinem Fundus zu was streichbarem heran. Morgens gestrichen, nachmittags gestrichen – fertig ist die Laube (im Malern ist er wirklich Meister, aber wehe man will mitmachen und streicht von rechts nach links statt links nach rechts.. dann wird er sauer und schmeisst einen von der Baustelle).

Der Kram musste erstmal 1 Tag trocknen, in der Zeit hab ich meinem Kollegen erstmal Bewerbungen ausgedruckt, Unterlagen kopiert, sortiert, nach Jobs für ihn gesucht und seinen Laptop geflickt, aufgeräumt und getuned.

Dann kam der große Moment: Einbau der Möbellüftungsgitter. Dejure einfach, wie ein Belgier einen Nagel in die Wand drückt. In der Praxis ein Problem, weil die Farbe den Innenkreis stellenweise eher zu einem „O“ oder noch Absonderlichem verzogen hat. Also: Teppichmesser, auskratzen ohne den Karton einzureissen (klappte nicht immer), Gitter ansetzen, mit dem Gummihammer einschlagen. Gummihammer dreckig, erste Versuche eher schmutzig. Manches Gitter passte „gerade so“ und konnte mit etwas mehr Schwung des Hammers passgenau eingefügt werden. Leider passierte das genau an den Stellen, wo die Konstruktion eh nur mit viel Liebe, Kleister & Gips zusammengehalten wurde.

Meisstens konnte man das nochmal mit etwas Farbe kaschieren, an einer Stelle musste ich mit Epoxydharz ran. Als alter Modellbauer hab ich noch die eine oder andere abgelagerte Tube Harz und Härter – passt scho.

Apropos abgelagert: der Fussboden musste auch versorgt werden. In der Bodenplatte war so das eine oder andere Heizungsrohr und Befestigung eingegossen was zwar beim Hausumbau vor 10 Jahren schon abgeflext, aber bei genauerer Betrachtung noch die einen oder andere Druckstelle in der Schuhsole hinterlassen hat. Also auch hier nochmal großzügig mit der Flex Dreck gemacht bis der Boden an den entsprechenden Stellen glatt wie ein Babypopo war.

Es gab natürlich auch Stellen, wo nicht geflext sondern mit Gewalt aus dem Boden gerissen wurde. Hierfür hab ich gut abgelagerten, 10 Jahre lang offen herumstehenden „Chatoneuf dü Papp“-Zement aus dem Heizungsraum geholt, liebevoll mit Wasser und etwas Sand angemischt und in das Loch geschüttet. Hat nur 2 Wochen gebraucht zum einigermaßen abzubinden, dann obendrauf noch eine Schicht misslungener Gipsansatz und gut ist.

Irgendwo war noch eine Ecke, wo paar PVC-Kacheln am Boden fehlten. Damit das nicht später im neuen Belag durchdrückt, hab ich immer meine Gipsreste dort verklappt und ausgestrichen.

An dieser Stelle ist mir eingefallen, dass ich auch noch irgendwo eine Kartusche Acryl habe. Gesucht, gefunden und (man nennt mich auch den „Acrylisator“) den Fensterschacht mit Fensterrahmen, Bodenkanten und wo sonst noch Spinnen und sonstiges Gezücht ein Schlupfloch finden können, entweder mit viel Liebe und Sorgfalt oder einfach nur mit Gewalt und Nachlässigkeit acrylisiert.

Gerade auf das Fenster war ich sehr stolz, ich trat einen Schritt zurück um mein Werk wohlwollend zu betrachten und tappte prompt mit sauberen Schuhen in meine Gipsverklappung auf dem Fußboden. Meine Frau war etwas verwundert, warum ich Barfuß auf Zehenspitzen aus dem Keller kam – mein Gesichtsausdruck muss Bände gesprochen haben, jedenfalls gabs keine Rückfragen.

Jedenfalls ist es jetzt alles dicht, sauber und gemütlich – selbst Opa Friedel (großer Handwerker vor dem Herren) war begeistert und die informelle Abnahme durch die beste Architektin aller Zeiten war auch sehr wohlwollend.

Jetzt muss nur noch Fußboden rein. Ich hab da bei Teppich Kibeck einen schönen, rusikalen PVC-Fußboden als Rest gesehen und dann ist der Raum eigentlich schon wieder zu schade zum Abstellen.

Vielleicht mach ich wieder eine Kellerbar daraus.

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