Die böse Atomstiftung und die toten Kumpel in der Türkei

Der Shitstorm über die bundesdeutschen Medien betreffs ihrer wenig durchdachten und wenig recherchierten Berichte der letzten Jahre hat nun auch die Hirne der Verantwortlichen erreicht. Hab ich gerade in „NDR Extra3 – die einzige Satire Sendung“ erlebt – denen ist auch nur die übliche Aufzählung „Milliardengewinne, Subventionen, Abwälzung des Restrisikos der Atomkraft“ zum Thema eingefallen, schwacher Beitrag und für Extra3 schon fast ausgewogen. Die „Heute Show“ wird das Thema am Freitag vermutlich Stammtischmäßig ausschlachten, aber diese Sendung (einst mal eine „Größe“ in DE) verlegt sich leider zu sehr auf Schenkelklopferwitze als dass man sie noch ernstnehmen kann.

Aber kommen wir mal zu den oben genannten Vorurteilen in anderer Reihenfolge:

1) Subventionen: Für die Nutzung von Atomkraft – ob zivil oder militärisch hat sich im Lande von Otto Hahn weder der Führer selbst (vor 1945) oder die Industrie und Energiewirschaft (nach 1950) interessiert. Sogenannte Gastarbeiter sorgten dafür, dass in den Zechen billig Kohle für die Eisenhütten und zur Stromerzeugung abgebaut wurde – warum also in die Atomtechnologie investieren?

Kluge Politiker (darunter der olle Strauss) postulierten, dass Deutschland ohne Atom technologisch in die Steinzeit zurückfallen würde und bettelten die dafür befähigten Unternehmen an sich doch endlich dafür zu interessieren. Also wurden unter dem sanftem Druck der Regierung und ihrer Subventionen die Bereiche Nuklearmedizin, Energieerzeugung aus dem Atom und andere Dinge vorangetrieben.

2) Milliardengewinne: Als GmbH-Geschäftsführer weiss ich, dass „Gewinn“ immer relativ ist. Gewinn vor Steuern, nach Steuern, vor/nach Ausschüttung, vor/nach Rückstellung? Gewinn in der Steuerbilanz oder in der Handelsbilanz? Für die Presse würde ich den höchsten Wert nehmen damit mir die Geldgeber noch weiter trauen, intern rechnet man sich dem Finanzamt gegenüber natürlich ordentlich arm. Was so ein Energiekonzern „wirklich“ an Überschuss ausspuckt, dass weiss höchstens der Oberbuchhalter dort – aus eigener Erfahrung weiss ich aber, dass Ende März das Konto gerade so ausgeglichen und von dem „Gewinn“ auf dem Papier rein garnichts über geblieben ist.

3) Restrisiko: Ein Kraftwerk egal welcher Coleur wird über Jahre geplant, gebaut und in Betrieb genommen. Bei einem Kernkraftwerk kommen noch Jahre des Abklingens und Rückbau dazu. Bislang kein Problem für einen Gewerbetreibenden: Man setzt alte Kernkraftwerke ausser Betrieb und baute neue. Mit den Gewinnen aus dem neuen baut man das alte zurück. Den Strahlenmüll lagert man ein, bis ein Endlager gefunden ist (denn das ist Sache des Bundes – seltsamerweise übrigens). Wenn ich einen Server für 5 Jahre plane und der nach 2 plötzlich abgeschaltet werden muss weil die Regierung keine Xeon-Prozessoren mehr mag, dann bleibe ich auf meinen Investitionskosten sitzen. Und genauso die Betreiber der Kernkraftwerke. Der Atomausstieg kam „plötzlich und unerwartet“, jegliche bisherige Kalkulation ist nun Makulatur.

Was das nun mit den verschütteten Bergleuten in der Türkei zu tun hat? Ich hatte heute gedanklich mal die Summe der direkten Opferzahlen (also Unfall = Mausetot) von Kohle von der Förderung bis zur Stromerzeugung mit den direkten Opfern vom Uranabbau bis zur Stromerzeugung zusammenaddiert. Selbst wenn ich die schlimmsten Zahlen zusammenrechne waren Tschernobyl und Fukushima ein Witz gegen die Todesopfer bei der Kohleförderung und Kohleverstromung.

Auch übrigens eine interessante Studie: „Prevented Mortality and Greenhouse Gas Emissions from Historical and Projected Nuclear Power„. Leider komplett in Englisch und dafür für überzeugte Ökos nicht nachvollziehbar.

Dieser Beitrag wurde unter Dies und das... veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*