Omas gesunde Küche

Man kann sich Wissenssendungen ab dem Moment ersparen, wo es um Religiöse Themen geht. Und damit meine ich nicht die Auseinandersetzung mit den „heiligen Büchern aller Religionen“ sondern Themen, wo es in einer Wissenssendung nur noch darum geht dass man glaubt dass es Wissen ist.

Gerade mal die Sendung „Faszination Wissen“ vom Bayrischen Rundfunk durchgezappt. Grauselig.

Es ging um Essen. Unter anderem wurde das Essen eines (mir völlig unbekannten) Fernsehkochs mit Convenience Food verglichen. Mit recht wirren Ergebnissen: die Brokolisuppe des Chefkochs ist mit 3,80 €/20min Zubereitungszeit „nur fast doppelt so teuer“ wie die Tütensuppe für 1,19€/4min, das Gulasch vom Koch kostet 7,97€/60min und als Dose nur 5,87€/11min (Off-Kommentar: „gar nicht mal viel teurer“) und die „Mousse au Chocolat“ gibts fertig für 1,29€/1min (aufreissen der Verpackung eine Minute?) und vom Koch für 3,50€/25min Zubreitungszeit.

Das klingt alles sehr schöngerechnet für den Fernsehkoch.

Denn den Conveniance-Kram kauf ich irgendwann mal nebenbei ein, stell ihn in den Vorratsschrank und erhitze ihn wenn Not am Manne ist (Gesamtzubereitungszeit für den Kram oben insgesamt 15min, Nebenkosten: Strom für den Herd, Abwasser, Müllentsorgung).

Selberkochen mit dem in der Sendung propagierten „Gemüse frisch vom Markt“ bedeutet, dass ich morgens erstmal zum Markt muss – und zwar nicht zum Supermarkt um die Ecke (wo die Ware schon 3 Tage durch die Logistikzentren von REWE oder tegut.. geschleust wurde um dann mehrere Tage auf ihren Verkauf im Markt wartet) sondern zum Großmarkt nach Frankfurt-Kalbach. Dort darf ich dann meine 5 Bröckchen Gemüse kaufen, Fleisch bekomme ich zum Glück bei meinem Lieblingsmetzger und den Rest im Supermarkt. Wie der Herr Fernsehkoch in 60min ein wohlschmeckendes Gulasch aus den gezeigten Zutaten hinbekommt, ist mir ein Rätsel. Ich schaff das auch in 60min, aber nur wenn ich aus dem Gefrierfach eine entsprechende Menge an Saucenfond herbeizaubern kann (und solche Fonds kann man in einer gewerblichen Küche nebenbei aus den Parüren (vulgo Fleischabfälle) herstellen, in der Hobbyküche ist das immer mit zähem Feilschen beim Metzger verbunden).

Geschummelt bis sich die Balken biegen – und besonders dreist ist, dass dem Zuschauer das „natürlich erzeugte“ Essen wärend der Sendung mindestens 20x als „besonders Gesund“ bezeichnet wird. Dass „Industriell erzeugtes Fabrikessen“ ungesund ist, hat wärend der Sendung niemand behauptet – man hat gar keine Aussage getroffen sodass beim Zuschauer ein mulmiges Gefühl übrig bleibt.

Wenn es wirklich nur um „gesund“ geht, dann würde ich nur noch Fastfood-Restaurants besuchen und Dosenfutter erhitzen – denn damit führe ich meinem Körper Lebensmittel zu, die unter ständiger Aufsicht und Kontrolle unterliegen.

Oh – nächste Szene in meinem „Faszination Wissen“ Video „Kaufen sie nur Lebensmittel, die möglichst wenig und schonend bearbeitet wurden – mit jedem Verarbeitungsschritt verlieren Lebensmittel wichtige Mineralien, Spurenelemente und Vitamine„.

Dieser Stuss kommt ja nun in jeder Sendung vor, wo ein „Ernährungsexperte“ mal was quieken darf. Ich hatte das mal vor paar Jahren anhand verschiedener Quellen durchgerechnet: Es ist sehr schwer das Angebot eines Supermarkts und der daraus entstehenden Gerichte so zu verkochen, dass nicht mehr genügend Mineralien, Spurenelemente und Vitamine vorhanden sind.

Ausnahme (das muss man auch sagen): Komplette Umstellung der Ernährung auf Fertiggerichte, Junkfood, Streetfood etc.. aus Armut oder Obdachlosigkeit.

Aber ansonsten haben wir in DE eher eine Übervitaminisierung und Übermineralisierung, was genauso gefährlich ist.

Und dann immer das ständige Dummgelabere „Omas Essen war noch richtig gesund weil…“ (Macht mal ein Google nach „grossmutters essen gesund“ (aber nicht nach „omas essen gesund“!)).

Da findet man Headlines wie „Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“ oder „Es duftete so herrlich in Großmutters Küche und das gesunde Essen war meist einfach, oft mit Produkten aus dem eigenen Garten„.

Als Hauptargumente werden immer angeführt „Fleisch gabs nur am Sonntag“ und „gesundes, regionales, saisonales Essen“.

Den „Fleisch nur am Sonntag“-Mythos kann ich ausräumen: Fleisch gabs immer wenn es da war. Das konnte auch Dienstag sein, aber da Opa von Sonntag Abend bis Freitag abend weg war (mit dem Fahrrad nach Frankfurt, dort als Sattler arbeiten, am Wochenende kurz zurück) wurde Fleisch halt erst am Sonntag zubereitet damit der Mann auch was davon hatte. Und die Zubereitung weiss ich noch: Fleisch scharf anbraten, mit verdünnten Suppenresten der Woche zusammen eine Brühe erzeugen, mit einer ultrafetten Mehlschwitze binden und dazu Kartoffeln und Gemüse aus dem Keller. Danach Kuchen so fett und zuckerhaltig, dass die Teller sofort Diabetes bekamen.

Das Essen möchte ich keiner Ernährungstusse vorsetzen, geschweige denn einem Lebensmittellabor – denn das Fleisch wie auch der Kuchen war unter Garantie so Acrylamid enthalten dass man Strümpfe daraus herstellen konnte.

Aber für meine „Oma“ war das die Kost, welche ihrem Mann die Kalorien zuführte die er über die Woche brauchte (und dem Rest der Familie sowieso für die Arbeit auf den Feldern).

Das mit dem „gesunden, regionalen, saisonalen Essen“ ist auch ein Witz, unsere Vorfahren werden als „gute Wilde“ dargestellt die nur das machen was der Umwelt und ihrem Körper gut tat. Real war es einfach der Zwang, mit dem auszukommen was gerade verfügbar war.

Es ist wirklich erstaunlich, welcher Unfug als „Wissen“ auch bei den ÖR Anstalten so versendet wird. Vermutlich sind die Redakteure und ihre „Experten“ Stadtmenschen die noch nie mal den Weg des Essens von der Entstehung bis zum Verbraucher selber versorgt haben.

Da fällt mir ein: muss morgen mal zu meiner Lieblingsbäuerin einen PC fertig installieren und schauen, was so der Keller an gut abgelagertem Fleisch vorrätig hat – denn nicht immer ist „frisch = gut“.

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