Samos 2015 – Teil 1

Wanderer, kommst du nach Samos, verkündige dorten, du habest Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

Verfälschtes Zitat nach Friedrich Schiller der es von Simonides von Keos geklaut hat.

Griechenland hat viele Probleme, die Air Berlin ist eines davon.

Denn diese Gesellschaft ist die Einzige, welche noch preislich tragbare Touristenflüge von Deutschland auf kleinere Inseln der Ägäis wie Samos anbietet – und das jetzt zunehmend nur noch mit einer „handverlesenen“ Auswahl von Abflughäfen. Also entweder muss man von Düsseldorf abfliegen oder darf zwar vor der Haustür einsteigen um in Wien umzusteigen.

Dieses Jahr war Abflug von Düsseldorf angesagt. 6 Uhr morgens ging der Flug, also ist Check-In frühestens 3 Uhr möglich. Defacto schafft man die Strecke Windecken-Düsseldorf Airport in 2 Stunden mit einem schnellen Wagen, was nützen aber 200 Pferdestärken wenn zwischen Herborn und Olpe sowie zwischen Köln und Düsseldorf extrem viele und kilometerlange Baustellen sind.

Klar kann man in die Versuchung geraten, Tempo 60 zu ignorieren wenn man weit und breit das einzige Kraftfahrzeug ist.

Aber meine Erfahrung zeigt: in Zeiten knapper Kassen haben Bund, Länder und Gemeinden kein Problem damit, sich für unfallgeldbringenden Stellen einen Blitzer samt 400 EUR Kraft zu mieten die mitten in der verkehrsarmen Nacht missmutig das Gerät im Halbschlaf überwacht.

Tag 1 – die Anreise

Kurz nach Mitternacht das Auto beladen und sich in Richtung Düsseldorf in Marsch gesetzt. Bis Giessen freie Fahrt, danach nur noch Baustelle, Baustelle, Baustelle. Die Strecke Olpe-Köln war besonders schlimm – irgendein Spezialist hat beschlossen, auf einer perfekten Autobahn Tempo 100 vorzuschreiben gefolgt von einer Pseudo-Baustelle ohne dass die Geschwindigkeitsbegrenzung jemals aufgehoben wurde gefolgt von 4 etwas engen Spuren und Tempo 60 – in NRW hat sich wärend meine 25jährigen Abwesenheit nichts geändert.

Von meinen Lieblingssendern war trotz des hochgepriesenen DAB-Radios im Fahrzeug keiner mehr empfangbar, wir sind letztendlich am Dom Radio hängen geblieben – für einen katholischen Sender ein erstaunlich modernes und erbauliches Programm.

Ankunft am Flughafen Düsseldorf. Ausladen und zur „Sky Train“ gelaufen welche uns gemäss Werbung „schnell und komfortabel vom Parkhaus P5 zum Terminal“ bringen soll. Beim überqueren der Strasse wunderte mich nur, was denn der Bus wollte wenn es doch „Sky Train“ gibt – als wir (zusammen mit einer Menge anderer Touristen) am „Bahnsteig“ im 1. OG angekommen sind wurde es klarer: das Display mit der nächsten Abfahrt zeigte uns an, dass das hochautomatisierte System sich zwischen 00:45 und 03:45 schlafen legt. Verdammt Blöde, wenn man 03:05 angekommen ist, diese Info erst ersichtlich ist wenn man möglichst weit von der Haltestelle des (mutmaßlichen) Ersatzbus weggelaufen ist. Unser Trupp ist binnen 3 Minuten auf 16 frustrierte Reisende angewachsen, im kollektiven Zorn wurde beschlossen zum Terminal zu laufen. Wir folgten der spärlichen Beschilderung und gelangten über einen winzigen Aufzug in die Nähe des Abflugterminals.

Im Wirkungsbereich der „Air Berlin“ professionalisierte sich das Geschehen etwas. Durch gut sichtbare Schilder wurden die Passagiere eingeteilt in „Hat schon Boardingpass ausgedruckt“ und „Irgendwas anderes“. Ich hab einfach mal mit Perso + Boardingzettel gewedelt und wurde von einer kleinen, resoluten Dame im Range eines Oberfeldwebels des Bodenpersonals mit „jehen sie mal da links, da werden se abjefertigt“ zum Schalter gelotst wärend sie mit stoischer Ruhe jedem Analphabeten erklärte, wo hier genau links und rechts der Warteschlange ist.

Der Flughafen Düsseldorf ist wie ein Stück Torte aufgebaut: Vorne am spitzen Ende kommen die Passagiere rein, danach erweitert sich das Gebäude bis ins Unübersichtliche.

Dejure gibt es 5 Toiletten hinter dem Checkin (und vor der Sicherheitskontrolle), da man aber kaum erkennt in welchem Segment man sich gerade wo befindet ist schonmal laufen angesagt wenn an der nächstgelegenen Toilette das Schild „wird gerade gereinigt“ hängt.

Jenes Schild an der Toilettentür hat natürlich immer wieder Passagiere gefunden die nicht des Lesens mächtig sind (bevorzugt aufgedonnerte Weibchen die nur noch nach Malle wollten und daher blind für alles andere waren). Die wurden dann mit Feudel und dem Spruch „Sajen sie mal – benehmen Sie sich Zuhause auch so? Könne sie nich lejsen?“ von der Reinigungsspezialistin vertrieben.

Neben mir begutachtete ein Mann mit Vollbart, langem Haar und etwas zerschlissenen Aussehen den Inhalt eines Abfallbehälters um wertvolles Pfandgut zu erhaschen. Je länger ich meine Umgebung beobachtete, um so mehr seiner Kollegen sind mir aufgefallen. Einige lagen auf den Bänken noch geschlossener Gastronomie, die anderen kauerten in warmen Ecken, einer erklärte einem Kind warum es nicht gut ist sein Bonbonpapier auf den Boden zu werfen und dass es gut in der Schule lernen soll.

Nachdem die dringlichsten Bedürfnisse (Gepäck loswerden, pinkeln, Kippe rauchen) erfüllt waren, haben wir auf die zweite Hälfte unserer Reisegesellschaft gewartet – die Wanderfreundin meiner Frau und deren Ehemann. Nach dem Motto „Technik funktioniert prima wenn man sie einschaltet“ konnte auch irgendwann Kontakt hergestellt werden – zeitnah zu deren Checkin.

Zusammen einen kleinen Abstecher zu McDonalds irgendwo in den Katakomben des Flughafens durchgeführt. Eine Horde wild quiekender, rosafarbener Schweinchen mit schwarzen Hüten blockierte recht effektiv den Tresen – es war ein Grüppchen junger Frauen mit Destination Mallorca die sich lautstark über ihren Männerfrust artikulierten. Mir fielen Adhoc mehrere Massnahmen ein, damit sie mehr Erfolg beim anderen Geschlecht haben (ad 1: nicht wie ein rosafarbenes Schweinchen aussehen, ad 2: rheinisches Ghettodeutsch der Sorte „Schackeline-Schandall, duh mal die Omma hole?“ ist noch weniger sexy als „Sächsisch„). Mein Blick ist dann an zwei Nonnen hängen geblieben die nach einem kurzen Gebet ihr einfaches Mahl aus dem billigsten Hamburger mit einer kleinen Portion „Pommes natur“ und schwarzen Kaffee verzehrten.

An der Sicherheitskontrolle waren wir dann alle wieder vereint: Touristen, Nonnen, Schweinchen, quäkende Kinder und überforderte „Nein, Kevin-David, da kannst Du jetzt nicht hin“-Eltern.

In Düsseldorf sind die neuen „Nacktscanner“ installiert, die völlig optional waren (wer also nicht wollte, der konnte konventionell untersucht werden). Auf zahlreichen Schildern wurde in jeder erdenklichen Sprache erklärt, wie man die Sicherheitskontrolle optimal vorbereiten kann – hat aber keinen interessiert. Lautstarke Diskussionen keifender Frauen mit dem Sicherheitspersonal, warum für den Körperscanner auch der Schal abgelegt werden muss, waren allerorten zu hören. Den Zeitpunkt, dass Flug“gäste“ endlich verstehen, dass sie sich nach den Regeln des Hauses zu richten haben werde ich wohl nie mehr erleben.

Ich habe einfach höflich einen guten Morgen „mit viel Kaffee“ gewünscht und gefragt, welche Sicherheitsvorschriften aktuell gelten und mich danach gerichtet. Der legendäre „Nacktscanner“ ist übrigens harmlos: wärend des Scans bleibt das Display dunkel und zeigt idealerweise am Ende ein „OK“ an.

Mein Kamerakoffer wurde danach nochmal separat geöffnet und mit einem speziellen Klebestreifen mehrere Stichproben gezogen. Streifen in ein Auswertegerät und verwundert fragte ich den Sicherheitsspezialisten „Erm, warum?“ Die Antwort war verblüffend: Kameras und Zubehör würden gerne als Versteck für Sprengstoff genutzt und durch dieses Verfahren würden eine Vielzahl von Sprengstoffen (und auch Drogen) erkannt werden. Da hab ich prompt gefragt „was würde passieren, wenn ich vorher zB. in einer Sprengstoffabrik fotografiert hätte“ und die Antwort war „Dann hätten Sie unter Umständen ein recht schwieriges und kompliziertes Erklärungsproblem – ihren Flieger bekommen sie dann wahrscheinlich nicht mehr“.

Gut zu wissen…

Hinter der Sicherheitskontrolle beginnt die wahrlich glitzernde Welt des Flughafens. Regale voller überteuerter Schokolade, Parfüm, Bling-Bling und wenig Auswahl was die Verpflegung angeht.

Und vorallem wenig Toiletten… Ich wollte mich nochmal schnell vorsorglich erleichtern und habe sie in einer langen Schlange alle wiedergetroffen: die rosa Schweinchen, das empörte Blondchen, die Nonnen und halb Malle… Nur auf der Männertoilette war normaler Betrieb – Glück für mich.

Da meine Mitreisenden bereits von der zunehmend abnehmenden Verpflegung auf der Kurzstrecke („Süsses oder Salziges?“) bei Air Berlin berichtet haben war ein Abstecher zu Starbucks fällig. Dort gab es belegte Brötchen mit Truthahn die kurz durcherhitzt wurden, ideal für den Flug. Neben mir bezahlten zwei deutsch sprechende und wohl gemeinsam reisende Geschäftsreisende ihren einfachen Kaffee mit einer schwarzen American Express – und zwar jeder einzeln.

Auch wenn „Air Berlin“ den Flughafen Düsseldorf als Drehkreuz erkoren hat, scheint es mit dem Status nicht sonderlich weit zu sein: wir wurden mit dem Bus bei völliger Dunkelheit irgendwo aufs Feld gekarrt. Aber bisserl Kerosin schnuppern hat was.

Der Flug war sehr angenehm, klugerweise hab ich vorher nochmal paar EUR für eine Sitzplatzreservierung am Notausgang „gespendet“ und hatte Beinfreiheit. In der Luft mit einer Flugbegleiterin das Spiel „wer kann beglückender Lächeln“ gewonnen und eine Sonderportion „Herzhaftes mit Kaffee“ abgestaubt.

Sonnenaufgang auf Reiseflughöhe. Keine Ahnung wo, ich musste mein GPS Gerät abschalten.

Sonnenaufgang auf Reiseflughöhe. Keine Ahnung wo, ich musste mein GPS Gerät abschalten.

Der Anflug auf Samos war wie gewohnt eine Einstimmung auf den Inselverkehr: Schlaglöcher, enge Kurven und alles recht holperig.

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