Erdoğan: Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten!

Ich bin dem türkischen Volk sehr verbunden, den Auswüchsen der aktuellen Regierung eher weniger.

Was ich da so aus Ankara höre gefällt mir gar nicht: inhaftierung politisch missliebiger Personen, Verordnungen zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung, Zerschlagung von nicht regierungstreuen Organisationen, Verbot verschiedener Zeitungen und Fernsehsender (was auf eine Gleichschaltung der „überlebenden“ Medien hinausläuft).

Und alles sogar Demokratisch legitimiert – vorher wie nachher, denn die meissten Türken (und das ist nunmal statistisch gesehen sie Summe der Landbevölkerung plus die Älteren in den Grosstädten) finden den Kurs von Herrn Erdoğan total klasse: endlich mal wieder ein starker Mann, welcher der ganzen Welt zeigt wo es lang geht, bedingungsloses „JA dem Führer“.

Erinnert mich an die Geschehnisse in Deutschland ab 1933 und wie es ausging, wissen wir alle. Ich wünsche der Türkei nicht dieses Schicksal.

„Einige Leute geben uns Ratschläge. Sie sagen, sie sind besorgt. Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten! Schaut auf eure eigenen Taten!“ sagt Erdogan.

Auf wen sollen wir gucken? Die Deutschen haben die Shoa so tief aufgearbeitet dass es sich schon in den Genen der Kinder eingearbeitet hat (ja, wir haben noch andere Baustellen). Die Spanier und Portugiesen haben in Amerika ganze Völker so nachhaltig ausgerottet haben dass deren Kulturen ruckzuck unter dem Dschungel verschwunden sind – mir ist in diesen Ländern keine Erinnerungskultur über diese Verbrechen bekannt. Die türkische Regierung bestreitet energisch, dass die Türken irgendwas mit den Armeniern gemacht haben denn das waren ja die Osmanen. Interessanterweise jene Osmanen, auf die man sich heute wieder so gerne beruft wenn es um den nationalen Zusammenhalt geht. Anscheinend ist diese Zeit so eine Art „Biedermeier“ der Türken wo alle Männer lustig mit Fez und Säbel fröhlich ohne Sorgen durch die Gegend getanzt sind und die Frauen einfach die Klappe gehalten haben.

Mir ist heute der Gedanke durch den Kopf gegangen, welche Zusammenhänge es zwischen dem Bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und dem Türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gibt.

Auffällig ist: beide erzählen nationale Scheisse im Sinne von „Wir brauchen die anderen nicht, kümmert euch um eure Angelegenheiten“.

Dem stelle ich mal einen Spruch von Kemal Atatürk von anno 1920 (oder so) dagegen – der hatte einfach den besseren Durchblick:

„Heute sind alle Nationen der Erde fast Verwandte geworden oder bemühen sich, es noch zu werden. Infolgedessen muss der Mensch nicht nur an die Existenz und das Glück derjenigen Nation denken, der er angehört, sondern auch an das Vorhandensein und Wohlbefinden aller Nationen der Welt … Wir wissen nicht, ob uns nicht ein Ereignis, das wir weit entfernt glauben, eines Tages erreicht. Aus diesem Grund muss man die gesamte Menschheit als einen Körper und eine Nation als sein Glied betrachten.“

Herr Erdoğan hat diese Weitsicht nicht und hätte ich noch Aktivitäten in der Türkei, würde ich die jetzt noch schnell verkaufen ehe das dort zum Staatseigentum deklariert wird.

Aber ich habe mir mal die Frage gestellt, was wäre wenn die BRD all ihre Aktivitäten in der Türkei abbrechen würde?

Ich hab mal das Statistische Bundesamt befragt und ich befürchte, es steht danach schlecht um die Türkei: wir bekommen von dort billige Textilien und fertige Klamotten sowie weiterverarbeitete Produkte des Maschinenbaus und der Autoindustrie (Einzelteile rein -> Omnibus raus). Der Rest sind so Sachen wie Nüsse und Erdbeeren, selbst Tabakerzeugnisse importiert die Türkei als ehemaliger starker und weltweit hochgeschätztes Erzeugerland.

Einfuhr/Ausfuhrstatistik 2015 Deutschland / Türkei

Schon bei Putin hab ich mich gefragt, warum der mit Panzern und Raketen droht – völlig rückständiger Kerl denn die wahren Kriege finden heutzutage auf dem Gebiet der Wirtschaft statt: Spurst Du nicht, dann darfst Du nur noch rückständige Technik aus den dir wohlgesonnenen Staaten importieren.

Und ausserdem: Wer will denn wirklich einen anderen Staat okkupieren? Dann muss ja der Okkupator noch mehr Dienstpläne schreiben – es reicht, wenn man das für seine eigene „Belegschaft“ machen muss.

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