Kinzigtal brutal

Landrat und ehemaliger Mittelstreckenläufer Karl „Charly“ Eyerkaufer, der Amtsleiter für Bildung, Kultur und Sport (auch ein prominenter Läufer) Jürgen May und Leiter der Fachgruppe Sport Klaus Schmidt hatten vor 25 Jahren im Landratsamt des Main-Kinzig-Kreises eine irre Idee: warum machen wir nicht einen Radsonntag bei dem die Bürger die Kinzig von der Quelle bis zur Mündung in den Main abfahren können? Sind ja nur schlappe 80 Kilometer auf für den Autoverkehr gesperrten Landstrassen.

Es gab die üblichen Widerstände („zu teuer, zu aufwändig“) aber das Landratsamt setzte sich durch und 1993 gab es die erste Tour. In diesem Jahr gab es die Jubiläumsveranstaltung „25 Jahre Kinzigtal Total“ bei der „Unser Charly“ natürlich als Ehrengast mit Familie dabei war.

Die Veranstaltung leidet – wie auch das „Hohe Strasse Fest“ – darunter, dass sie im September stattfindet und das Wetter nicht immer mitspielt. 2012 waren es bei Sonnenschein 100.000 Teilnehmer, das kann bei Regen extrem wegbrechen.

Ich wollte mir die Veranstaltung schon immer mal zu Gemüte führen, da Karin und ich mittlerweile elektrischen Rückenwind haben und die Wettervorhersage was von „Heiter bis Wolkig bei 19°C“ murmelte haben wir das in Angriff genommen. Also mit dem Auto und Rädern zum Hanauer Hauptbahnhof, dann mit dem Sonderzug nach Sinntal-Sterbfritz zur Kinzigquelle und mit dem Rad zurück.

1) Planung

Den Internetauftritt von „Kinzigtal Total“ kann man mit „Much ado about nothing“ zusammenfassen: Es gibt eine Karte welche grob die Entfernungen zwischen den Reiseorten zeigt, mehrere Karten die zeigen wo es medizinische Versorgung von Mensch und Drahtesel gibt sowie eine Übersicht in welchem Ort welche Veranstaltungen stattfinden. Dazu noch eine von der Werbeagentur etwas unglücklich überarbeitete Version des offiziellen DB Zugfahrplan „Sonderzug nach Pankow Sterbfritz“. Man ahnt es fast: die Informationen sind mehr oder weniger einzelne Seiten aus dem Gesamtflyer welcher mit „A4“ nicht wirklich gut zu drucken ist.

Glücklicherweise hab ich die Orginalvariante der Deutschen Bahn gefunden wo auch die Abfahrtsgleise stehen sowie einen älteren GPS-Track für die Tour und in Foren und der Nachbarschaft erfährt man dann was im Flyer nicht steht: Wo bekommt man die Fahrkarten, wie läuft der Transport, was muss man tun und was sollte man sein lassen. Wichtigster Rat: den ersten Zug nehmen und einen Filzschreiber mitnehmen (warum auch immer).

Am Samstag abend nochmal über die letzten Ergebnisse der Wettermodellrechnungen geschaut: Morgens arschkalt ohne Regen, dafür am Nachmittag warm und sonnig. Meine kleine Windjacke habe ich immer dabei, dazu noch Softshell- und Fleece-Jacke, die Lederhandschuhe vom Winter und die kurzen Handschuhe – also die Kombination, die mich schonmal bis hoch auf den Säntis und wieder zurück begleitet hat. Noch den Kaffeeautomaten füttern und die Teezeremonie vorbereiten.

Der erste Sonderzug fährt 07:21 ab Hanau HBF ab, also 05:00 aufstehen.

2) Anfahrt

„Scotty, verdammt – der Transporter klingt heute so komisch“. Langsam realisiere ich, dass das Gezurrsele von meinem Mobiltelefon kommt. Aufstehen, Licht an, Telefon suchen, Wecker abschalten. Karin wecken, Dusche, dicke Socken, warme Unterhose, feste Jeans, Tee, Espresso, Tee, Espresso, Espresso. Fahrräder auf den Anhänger. Auf der Autobahn noch einen Kollegen (ebenfalls mit Fahrradanhänger) überholt und für 3,50 EUR einen Parkplatz am Bahnhof gemietet. Den oben genannten Filzschreiber braucht man um die Fahrradkarte auszufüllen, mit Kuli ist das nämlich schlecht wenn der weiche Sattel als Schreibunterlage dienen muss.

Wir waren um 06:50 Uhr am Bahnsteig und so sah es da aus – kaum einer da. Das änderte sich aber recht schnell, das Areal füllte sich mit behelmten Profifahrradpolsterkurzhosenträgern, offensichtlichen Rentnern die eher nach einer Einkaufstour zum nächsten Discounter aussahen, Familien kurz vor dem Nervenzusammenbruch, paar Männern die dem nächstgelegenen Obdachlosenasyl entsprungen schienen. Alles in allem eine sehr gemischte Besetzung.

Dazwischen sehr viele HelferInnen von MKK-Total die gerne Fragen beantworteten und dazu Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn. Letztere sahen teilweise aus, als hätte man einer Rotte von Schlägern ihre letzte Chance vor dem Hängen gegeben. Vermutlich ist dieser Eindruck gewollt, in der Praxis hatten sie bessere Manieren als so manche unserer Mitreisenden.

3) Abfahrt

Der Sonderzug fuhr ein, der Lokführer verzog sich erstmal auf ein Päuschen. Wir standen die ganze Zeit recht alleine am Ende des Zugs und plötzlich drängte sich alles in unsere Richtung. Karin leitete eine Gegenbewegung in Richtung Zuganfang ein wo wir dann problemlos unsere Fahrräder abgenommen bekamen und uns im oberen Teil einen 4er Platz erhaschten.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gang hatte sich eine 3er Gruppe niedergelassen, die kaugumikauend von ihren Saufabenteuern berichteten. Ich wusste wieder, warum ich so ungern Bahn fahre… Das änderte sich aber beim nächsten Halt in Langenselbold, wo die letzten freien Plätze in unserem Karré von 3 rüstigen Rentnern besetzt wurden deren sonore Stimmen das muntere Saufgelagegeplappere angenehm übertönte.

Beim nächsten Stop in Gelnhausen wurden die Passagiere in Wagen 1 vom Zugchef gebeten, die Holzklasse zu verlassen und in die erste Klasse überzuwechseln damit weitere Fahrräder und Passagiere eingeladen werden können.

In Wächtersbach und den folgenden Stationen gab es nur kurze Zwischenhalte – wir trafen später einen jungen Mann der das Glück hatte dass er in Schlüchtern einsteigen wollte und auch konnte weil just hier 3 Räder ausgestiegen sind.

4) Ankunft

Damit es auch der Dümmste im Zug kapiert, erfolgte die Ansage „erst alle aussteigen, dann wird Zug rangiert und dann erst werden die Fahrräder ausgeladen“ mehrfach. Hinderte natürlich kaum einen bei den Helfern nachzufragen warum er sein Fahrrad nicht gleich mitnehmen kann.

Der „Auszug aus dem Zug“ sah in Sinntal-Sterbfritz ungefähr so aus:

Von den Profifahrradpolsterkurzhosenträgern war unison nur „Ey, das ist verdammt kalt hier“ zu hören.

Zug kam wieder an, Räder ausladen – bitte nach Rechts, jeder nur ein Rad.

5) Losfahren

Mangels konkreter Zielangaben im Flyer sind wir erstmal der Meute gefolgt um an der Mehrzweckhalle zu landen um die sich die Eröffungsveranstaltung gruppieren soll. im Flyer steht „Nach dem Eintreffen des ersten Sonderzuges Eröffnung der Veranstaltung durch Landra(d)t Thorsten Stolz“. Der Sonderzug ist eingetroffen, das Areal sah nicht so aus als ob da irgendwas passiert.

Also erstmal an die Kinzigquelle, die so ausssieht:

An der Quelle gibt es eine Infotafel die Inhaltlich schon etwas mehr bietet als der Flyer zu „25 Jahre Kinzigtal Total“ – was ich nicht der Werbeagentur sondern eher den drögen Inhaltsverantwortlichen auf dem Landratsamt zuschreibe. Am Kinzigborn noch bisserl mit den Anwesenden gequatscht und das Fazit gezogen: alleinreisende Fahrradfahrer haben einen an der Klatsche (Stichprobe: 2)

6) Abfahren

Zurück in Sterbfritz haben wir die Show entweder verpasst oder sie kommt noch, aber wir wollten los. Die ersten Kilometer waren angenehm: es ging nur Bergab und das kühlte aus. Also haben wir uns dick eingemummelt und sind unbeeindruckt von der Kälte (mein Hochpräzisionsdigitalthermometer für 80ct in der Bucht geschossen zeigte 11°C an) weitergeradelt. Schon auf den ersten Kilometern stellte sich ein gewisses Gefühl der Befreiung ein. Breite Landstrasse, ab und zu ein Inlineskater oder Radfahrer, Platz zum Überholen war massig vorhanden, jeder konnte nach seinem bevorzugten Tempo fahren. Ich summte Kraftwerk „Autobahn“ vor mich hin und strampelte mich frei.

7) Wenn einer eine Reise tut…

Ruckzuck waren wir in Schlüchtern. Gemäss Karte im Flyer liegt das 16km hinter dem Startpunkt, sind aber nur 12km. In Schlüchtern war der letzte Tag des lokalen Oktoberfestes, es gelüstete mich nach einer Currywurst. Im Festzelt war „Bayrischer Frühschoppen mit Gastkapelle“. Die Currywurst war lauwarm, das Ketchup auf lokaler Temperatur, das Brötchen aus der Fabrik. Zum Glück war unser Tee und Kaffee in den Thermoskannen noch heiss. Die „Gastkapelle“ brachte recht fetzige Blasmusik, würde der Schlagzeuger seine Snare etwas fester spannen und die Hörner das Stakkato üben wären die richtig gut.

Wärend im Zelt (wir haben es vorgezogen etwas schallgeschützt im Aussenbereich zu „speisen“) „Who the fuck is Alice“ dudelte, beugte sich eine junge Dame über uns mit der Frage ob wir eine Ibuprofen für sie hätten. Klar gibt das meine Notfallbox her (ist neben „Antibrumm“ und paar Papiertaschentüchern das Einzige was sich darin befindet). Das Mädel war auf Inlineskates unterwegs – zumindest war sie das bis sie gestürzt ist.

Aufgrund des mangelnden kulinarischen Ergebnisses beschlossen wir, die grossen Fresstationen zu meiden und in den kleineren Orten anzuhalten.

8) Kilometer 30

Das Örtchen Ahl bei Bad Soden-Salmünster erschien uns recht für eine kurze Rast. Es wurde langsam wärmer und die Nachzügler füllten die Strassen. Eine Gruppe Jugendlicher hatte einen Fahrradanhänger gebastelt, der mit vielen Akkus, einem Autoradio, diversen Hornhochtönern und Bassboxen auf kleinstem Raum einen erstaunlichen „Wumms“ verbreitete und sogar einen Würstchengrill „onboard“ hatte. Bei der Musik wurde ich stutzig – das müsste ein Song mit/von Jürgen von der Lippe aus den 1980er Jahren gewesen sein. Da die Location aber keine grosse Speisekarte hatte sind wir in Ahl eine Station weitergefahren um bei Amarettokuchen, gutem Kaffee und einer vorzüglichen Erbsensuppe dem Treiben zuzusehen.

Als da wären: Die Fahrradstreife der Polizei, einem Hochradfahrer, Tandems, ausgefeilte Mutter/Vater+Kind Konstruktionen, dem Musikwagen der oben genannten Gruppe, das DRK mit einem Einsatzfahrzeug um liegengebliebene Radfahrer zu versorgen und einem Trupp Kiddies die ohne Erwachsene die Strecke befuhren. Weiter westlich in Richtung Frankfurt wäre das für die dortigen Helikoptereltern unvorstellbar.

Die Sonne kam hervor und wir schälten uns vorsichtig aus unserer Zwiebel wärend um uns herum der Radverkehr zunahm – und zwar in beide Richtungen da viele Sportradler die Gelegenheit der gesperrten Hauptverkehrsstrassen dazu nutzten, die Kinzig „hinauf“ zu fahren.

9) Sonntagsradler

Aufenau, Wächsterbach, Neuwirtheim (gut 20km Strecke) haben durchfahren müssen – das halbwegs schöne Wetter hat alles aus dem Keller gelockt was ein Fahrrad hat und entsprechend voll waren die Orte wo es Speis & Trank gab. Da wir weitestgehend Selbstversorger sind, störte uns das nicht. Ärgerlich wurde nur, dass etliche Autofahrer mit dem Umstieg aufs Rad die StVO und Manieren vergessen.

Mir haben meine Eltern beigebracht „Wenn Du auf der Strasse für längere Zeit anhalten möchtest, dann bewege Deinen Arsch mitsamt Rad von der Fahrbahn“. Einfache Regel. Und bei „Kinzigtal Total“? Da machen ganze Profifahrradpolsterkurzhosenträger und Familien eine Diskussionsrunde mitten auf der Strasse auf wärend von „unten“ ein Pack Sprinter eine breite Gruppe überholt wärend von oben ein Pulk 2er Gruppen heranrast. Nur herzhaftes Bremsen und Fluchen bei den Bergsprintern hat schlimmeres verhütet.

Am schlimmsten sind die Helikoptereltern die permanent auf ihre Kinder einlabern „Kevin-Jaques tu dies, mach das“ wärend sie von Papa und Mama umschwirrt werden. Vater vorne, Kind in der Mitte, Mutti hinten und alle brauchen die gesamte Breite einer gutausgebauten Landstrasse.

Kurzum gesagt: erschreckend vielen Radfahrern kann man problemlos die Eignung zum Führen eines Fahrzeug jedwelcher Art absprechen.

10) Das Ende kommt in Sicht!

Man gewöhnt sich an alles. Auch daran, dass es nur paar dumme Radfahrer braucht um die Kapazität einer ultrabreiten Landstrasse auf Null sinken zu lassen.

Nach einer Zwischenstation in Haitz (nie gehört, aber der Ort existiert!) wollte ich in Gelnhausen mal kurz am M-Net Stand halt machen für ein „Kinzigtal-Total“ T-Shirt. Da mir aber aber Horden von Kinderfahrrädern mit SPD-Luftballons entgegenkamen haben wir die Umgehung über die Kaiserpfalz genommen um in Roth beim DRK nochmal eine Pause zu machen (das Übliche wenn man nicht auf solche Strecken trainiert ist: die Pausen kommen am Ende immer öfters und länger).

In Langenselbold haben wir nochmal bei der Feuerwehr eine Pause gemacht. Die war auch eher zur Orientierung denn weder Beschilderung noch die Angaben im Flyer sagten uns, wie es weiter geht. Wir sind dann dem R3 gefolgt und haben uns in Hanau anhand der Radwegbeschilderung (Hanau hat ein sehr gutes Radwegenetz!) zum Hauptbahnhof durchgeschlagen. Sporadische Posten vom DRK bekräftigten, dass wie auf dem richtigen Weg sind. Dass mitten in Hanau plötzlich wieder viele „Kinzigtal Total“-Schilder angebracht wurden, war tröstlich (immerhin hat man an uns gedacht) – aber unnötig weil viel zu spät.

Zuhause Abladen, sortieren und in der Abendsonne noch ein kurzes Schläfchen halten….

PS: die Kilometerangaben im Flyer sollte man nicht ernst nehmen, wir sind eine Gesamtstrecke von 70km ab Quelle bis Hauptbahnhof gefahren und die Akkus hätten noch für 30km gereicht.

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