Der Katalonien-Konflikt im Spiegel der Leserkommentare

Man sollte vielleicht nur Lesern Zugang zu den Onlinekommentaren geben die vorher einen Intelligenztest gemacht haben…

Wer diese Zusammenstellung von Kommentaren gelesen hat, der wird – wie ich – Volksabstimmungen in DE für keine gute Idee mehr halten…

Aus dem F.A.Z Forum zum Beispiel…

Zum Thema „Katalonien: Die schweigende Mehrheit erhebt ihre Stimme„:

Bernd A. Wohlschlegel: Wenn ein Großteil der Waren alle über katalonisches „Staatsgebiet“ transportiert werden müssen? Immer noch nicht kapiert, dass Restspanien die Katalanen unbedingt braucht und nicht umgekehrt.

Wenn die Katalanen einen „ad hoc Kexit“ hinbekommen, fällt der neue Staat komplett aus allen Verträgen heraus die Spanien über die letzten Jahrhunderte mit anderen Ländern abgeschlossen hat. Die autonome Valencianische Gemeinschaft weiter südlich freut sich darüber dass der Hafen mehr ausgelastet wird und die E-15 ist nicht die einzige Autobahn die nach Frankreich führt.

Christoph Weise: Eine EU-Mitgliedschaft wäre für Katalonien teuer, vermutlich zu teuer. Schließlich ist das eine produktionsstarke Region welche Nettozuzahler würde. Die EU-Mitgliedschaft ist nur für Pleitestaaten attraktiv und natürlich für die Beamten, welchen die Brüsseler Pensionszusagen zugute kommen.

Die Katalanen sind die Japaner Spaniens. Als rohstoffarme Region hat sie schon lange einen guten Ruf in der Veredelung und Produktion. SEAT hat hier eines seiner Werke und wer sich die Tabelle hinter dem Link anschaut stellt fest, dass der Standort Martorell in Katalonien von VW langsam zurückgefahren wird.

Und wenn man mal schaut, was die grössten Unternehmen Spaniens sind und welche davon in Katalonien sind – da sind nur wenige Unternehmen dabei die mit einem Umzug in eine andere Region Spaniens ein ernsthaftes Problem bekommen würden.

Das Problem liegt wo ganz anders. Als Region von Spanien profitieren die Katalanen vom Spanischen BBB+ Rating und haben sich damit zu günstigen Konditionen am Kapitalmarkt hoch verschuldet um ihre Infrastruktur attraktiver zu machen. Die Verschuldung ist für die Region extrem hoch – im Vergleich zu Gesamtspanien aber eher vernachlässigbar.

Ein eigenständiger Staat „Katalonien“ würde aber von S&P aufgrund seiner (jetzt) extrem hohen Verschuldung auf Ramschniveau herabgesetzt werden, mit der Folge dass die Zinsen für Katalonien extrem ansteigen würden. Sicherlich könnten die Katalanen sagen „Mit den Krediten haben wir nichts (mehr) zu tun“, aber dann nimmt sie keiner mehr ernst.

Und der Forist hat nicht bedacht, dass ein eigenständiges Katalonien alles selber bezahlen muss – Guardia Civil, Pässe, Bankenwesen, Beamte, Pensionen, Renten, Richter, Justiz und voallem Grenzkontrollen (die müssen sie nämlich zuerst aufstellen damit kein Katalanischer Millionär mit einem Koffer voller Geldscheine seine Schäfchen ins Trockene bringen kann).

Alfons Heemann: […] Sie vergessen auf die geschichtlichen Zusammenhänge hinzuweisen. Spanien ist eine noch sehr junge Demokratie, und die Katalanen sowie Basken hatten unter der Militärdiktatur des Generals Franco (bis 1978) schwer zu leiden. Der jetzt zum ersten mal seitens Madrid gegen Katalonien angewandte §155 steht ganz im Gedankengut von General Franco. Das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Katalanen sowie die Androhung „Wahlurnen statt Panzer“ sind dementsprechend ungeeignete Friedensangebote.[…]

Weniger kiffen. Die in Katalonien angeleierte „Volksabstimmung“ hat keine Legitimierung durch die Verfassung Spaniens.

Es gibt 3 Varianten, wie sich eine Regierung hier verhalten kann:

1) Man duldet die Abstimmung und ignoriert sie dann weil es keine Grundlage dafür in der Gesetzgebung gibt. Grosses Tamtam der Foristen „ja aber das Volk hat doch so entschieden“. Eine der Grundlagen der Demokratie ist auch, dass man sich an die Gesetze hält – egal ob die Katalanen in den Augen der bundesdeutschen Foristen als eine Art „kuscheliger Panda“ grosse Sympathien haben.

2) Man duldet die Abstimmung und setzt sie konsequent um. Ergebnis: Isolation von Katalonien, eine Art Gaza-Streifen mitten in Europa mit Hunger und Energiemangel. Auch in diesem Fall werden sich in Katalonien genügend Idioten finden lassen, welche die Wechselwirkung zwischen „Ursache und Wirkung“ nicht verstehen und zu einer Art „ETA“ im Katalonienland werden. Jubel bei den Deppen-Foristen der deutschen Qualitätsmedien „Operation gelungen, Patient tot“. Spanien insgesamt wird weniger vertrauenswürdig weil sie diesen Rechtsbruch zugelassen und akzeptiert haben. Ergebnis: S&P werten Spanien ab, global arbeitende Unternehmen bekommen Angst um ihren Standort in Spanien und verlagen ihre Niederlassung.

3) Man zeigt deutlich, dass der Staat nicht gewillt ist eine Verletzung der Verfassung zu akzeptieren. So ein Polizeieinsatz ist dann „Actio = Reactio“ halt die Folge und aus eigener Erfahrung reagiert die Exekutive recht gelassen wenn man akzeptiert dass sie jetzt einfach nur ihren Job erledigen sollen.

Daher ist der Spruch „das brutale Vorgehen der Polizei“ völlig Banane wenn man sich mal die ungeschnittenen Videos auf Youtube anschaut.

Gut – es sind nicht alles Idioten unter dem Kommentatoren:

Gerhard Dünnhaupt: Wie schon in Schottland sollte man dem Volk erklären, dass Katalonien beim Austritt aus Spanien automatisch die EU-Mitgliedschaft verliert, und sich dann erst später wieder unter Erfüllung aller normalen juristischen Beitrittsbedingungen und Zustimmung sämtlicher EU-Staaten neu bewerben kann.

Und genau das ist der Grund, warum schon der „Brexit“ (also der Austritt eines seit vielen Jahren und Jahrhunderten) etablierten Staatsgebildes sich über Monate hinzieht – wohl mit dem Ergebnis dass die Briten anerkennen, dass ihre „Splendid Isolation“ in der EU als Nettozahler besser ist als wenn sie daraus eine „Stupid Isolation“ macht.

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