Ausländerfeindlichkeit

Freitag, Kalender voll mit Terminen.

Ich hole die Zeitung aus dem Briefkasten, die kugelrunde Schwarzafrikanerin wälzt sich schnaufend in ihrem farbenfrohen Gewand die Höhenstrasse hoch – nicht ohne mit mir paar Worte über Wetter und ihren Sohn mit operierter Fußfehlstellung zu wechseln. Ihre Geschichte hat sie mir vor paar Jahren in gebrochenem Englisch erzählt: Falscher Stamm, falscher Ort zum falschen Zeitpunkt, sie und der Sohn sind die einzigen Überlebenden.

Kurzer Sprung in die Bruchköbler Großapotheke, die junge Frau M. bedient mich wie gewohnt in ihrem zartblauen, modischen Hidschāb. Ich hatte sie mal gefragt wie sie ausgerechnet auf diese Farbe kam und sie sagte „Es ist eine schöne Farbe und passt zum Beruf (und verriet mir mal, dass ganz viele Hidschāb passend zu jedem Anlass im Schrank habe) Sie ist – von dem was ich sehen kann – eine wirklich sehr hübsche und wohlgeformte Frau.

Zurück in Nidderau durfte ich dank Baustellenampel längere Zeit auf Höhe des Rathauses verweilen.

Rechts habe ich meine alten Bekannten Eddie und seinen älteren Bruder Karim gesehen (Kurden, vor 30 Jahren mit den Grosseltern geflüchtet nachdem sie ansehen mussten, wie Vater und Mutter vor ihren Augen geschändet und gehängt wurden). Links der Hähnchenstand eines Iranischen „Kollegen“ (Elektroingenieur in seiner Heimat, erfolgreicher Händelfilialist in Deutschland). Telefon klingelt, Kollege G. (ebenfalls Iraner und Bahai) war dran. Hatte gestern Nacht versehentlich seine Nummer gewählt und er hat sofort zurückgerufen ohne dass ich geantwortet habe. Wollte wissen ob alles in Ordnung hier ist.

Im REWE verkauft mir ein junger Mann, dessen Eltern (und vielleicht er auch) irgendwo im Arabischen Raum als Moslem geboren ist, mit viel Spass ein Schweineschnitzel. Ich erinnerte mich an einen Bericht über ein Frankfurter Wasserhäuschen das einem überzeugtem Moslem gehört aber trotzdem über 40 Biersorten vorrätig hält und jeden Käufer perfekt beraten kann („Isch sehe doch wem welsches Bier schmäckt, da muss isch nich selber trinken“)

Zwischendurch im Büro die Post- und Paketzustellung abgewartet. Die Nationalität des GLS-Zustellers habe ich noch nicht erfragen können, der sprintet immer nur rein-raus. Bei Hermes ist es ein langhaariger Bombenleger aus Österreich (auch Ausländer).

DHL kam dieser Tage mit einem Italiener und einem Syrer im Schlepptau an. Der Italiener (des Deutschen halbwegs mächtig) schwadronierte beim Anblick meines Espressovollautomaten sofort darüber, dass mit Siebträger alles besser ist, sich sein Syrer als Zusteller viel zu gut macht, er nun Angst um seinen Arbeitsplatz hat und sowieso man die Einwanderung einschränken sollte.

Auf meinen Einwand, dass er aus meiner Sicht heraus ebenfalls Ausländer ist, kam nur die Antwort „Ish bin wenigsten Eurupaäer“ und war damit auf weiter Strecke der einzige Italiener der verstanden hat, dass ein Austritt des Stiefels aus der EU keine gute Idee ist.

Dazwischen noch mal DHL mit einem Kollegen, der seine Herkunft aus … PL? CZ? keine Ahnung … nicht verbergen konnte.

Kurz bei Nico (Grieche) guten Abend gesagt, weiter zum besten Dönerici in der Umgebung gefahren. In der gegenüberliegenden Kirche probte der Organist gerade paar Choräle, die „Insassen der Dönerbude“ waren alle draussen und hörten zu – ich setzte mich dazu. „Baba“ (der Senior) meinte nur „muss mehr üben“ und befahl seinem Sohn, mal den Betrieb aufzunehmen. „Mama“ (die mit der grossen Nase) stand am Ende der Küche, stülpte das Kopftuch ab und schüttelte ihre Haare durch wärend sie mir einen kurzen Blick zuwarf um sich dann ein neues Tuch umzubinden. Meinen fragenden Blick beanwortete sie so: „In Laden ich muss Kopftuch tragen wegen lange Haare, draussen Tuch wegen Familie aus Türkei und Haar durch Fleisch immer schmutzig. Gute Tuch, schlechte Tuch“.

Eine nahe Bekannte hat mal fallen gelassen, dass sie sich wegen den Ausländern nie wagen würde nachts alleine im Park spazieren zu gehen. Diese Meinung teilt sie mit Frau M. – ich bin mir sicher, dass jene selbst bei „Entsorgung“ aller Verbrecher nie auf den Gedanken kommen würden, sich nachts ins Auto zu setzen um zum nächsten Park zu fahren um dort zu flanieren. Aber hauptsache mal Angst haben.

Eine ausgewiesene Xenophobin im Bekanntenkreis meinte, dass sie gerne nach New York reisen würde. Auf meinen Hinweis hin, dass dort 100% Ausländer aktiv sind kam die Antwort „Das ist in den USA was ganz anderes“.

Ich wollte bei Tante B. (welche in einem völlig unbedeutendem Kaff in Thüringen lebt) heute eigentlich nur durchgeben, dass wir nochmal nach Dresden wollen und auf der Rückreise vielleicht …

„Ja Sachsen ist schön, Königstein da müsst ihr hin. Und das ist in der Presse sowieso übertrieben, sind ja nicht alle rechtsradikal, die meissten sind vernünftig, nur ein kleiner Teil die gegen Ausländer sind.“

Und nun wurde mir völlig unaufgefordert mit Gewalt ein Einblick in völlig irrationale Ängste aufgepresst:

„Ja, ich kann die an der Grenze zu Polen und Rumänien verstehen, da kann man ja nicht mal Wäsche auf die Leine hängen ohne dass sie gestohlen wird“.

„Ich schaue immer Aktenzeichen XY ungelöst. Dass mir bei einem Einbruch Wertgegenstände abhanden kommen ist ja nicht so schlimm. Aber dass jemand Fremdes meine Wäsche und Unterwäsche angefasst hat ist für mich unvorstellbar“. Mein Hinweis, dass sich die Einbrecher vor ihren seit 30 Jahren nicht ausgetauschten Unterhosen genauso ekeln und nicht nur deshalb Handschuhe tragen, hat sie nicht gelten lassen – aber das mit der Fremberührung ist ein frauenspezifisches Problem, ich schmeiss das dann einfach mal in die Maschine und gut ist.

„Und der Tunesier der die Frau in die Schlucht gestürzt hat und wo die Frau nur durch viel Glück überlebt hat und der dann eine 13jährige Vergewaltigt hat“ berichtete sie mit überschnappender Stimme und erwähnte ständig Aktenzeichen XY.

Ich merkte, dass da nix mehr zu machen ist.

„Erm Tante B…. Ich wollte ja nur fragen, ob ihr an diesem Tag gegen 15 Uhr zuhause seit und wir auf eine kurze Rast vorbekommen können?“

„Ja, ich merke doch dass Du das alles nur verdrängen willst. Ist auch bei den Geschehnissen in Sachsen keine gute Zeit darüber zu sprechen sonst wird man sofort als Ausländerfeindlich abgestempelt. Ich habe nichts gegen Ausländer, das will ich Dir nur nochmal sagen. 15 Uhr? Rufe 30min vorher an dass ich Kaffee machen kann.“

Phew…

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