Samos 2010 – Tag 5, Teil 3

Die zweite Hälfte des Tages nutzte ich, die Gegend zwischen Mytilinii, Chora und Phytagorion grob zu kartographieren.

Nach dem Besuch der Agiades Minen war ich auf der Suche nach den Überresten eines Römischen Aqäduktes im Tal zwischen dem „Agiades-Hügel“ und dem „Kastro-Hügel“. Leider war die Piste auf keiner Karte eingezeichnet und „Google Maps“ war wegen Roaming-Problemen nicht erreichbar.

So verpasste ich irgendwo die Abfahrt und fuhr halt zur nördlichen Stollenmündung des Eupalinos-Tunnel. Da war alles noch wie sonst (nämlich Gitter zu und Schloss dran). Etwas weiter zurück ging ein wenig einladender Pfad den Berg hoch, dem ich folgte. Untypisch für diese Ecke von Samos lag ein kleiner Olivenhain links des Pfades, sonst ist da nur niederes Grünzeug zu sehen.

Der Weg endete auf einem kleinen Plateau, wo mich eine für die Ostküste eher typische Anlage erwartete: in die Erde einbetonierte und mit Blechen in Nato-Tarnmuster abgedeckte Beobachtungsbunker des griechischen Militärs. Jedenfalls denke ich, dass es sowas ist – im Boden hab ich Ablaufgitter entdeckt, könnten also auch Hochwasserbehälter sein. Aber zumindest in Deutschland deckt man sowas nicht in Tarnfarben ab. Muss irgendwas mit der Türkei zu tun haben und da sind wir schon angelangt bei der

Trivia samiotische Geschichte: Am Anfang war die Erde wüst und leer. Dann erschuf Gott den Menschen und der sah das Blau des Meeres und das Weiss der strahlenden Sonne. Irgendwann wurde das ewige Meer und die ewige Sonne dem Menschen langweilig und er rief Gott an, für bisserl Abwechslung zu sorgen. Und Gott rührte sich nicht weil er woanders beschäftigt war. Der erste Mensch dachte sich „naja, vielleicht müssen wir da näher ran“ – so wurden schnell paar Steine aufgeschichtet bis sie über das Meer hinausguckten. Auf jeder Erhebung errichtete der erste Mensch ein Gebetshaus um Gott zu rufen. So entstanden die Inseln der Agäis, welche der Beweis sind, dass der erste Mensch Grieche war – seine Weiss-Blaue Flagge erinnert ihn heute noch an die Zeit, wo es nur Sonne und Meer gab.

Real gesehen war Samos (wie viele der Inseln am Festlandsockel der Türkei) ein Spielball der Fraktionen. Mal dem byzantinischen Reich, dann dem Genuesischen Reich unterworfen landete die Insel schliesslich über mehrere Jahrhunderte im Osmanischen Reich. Pest, Piraten und Isolation sorgten dafür, dass die Samioten so um 1450 entweder auf eine Nachbarinsel oder aufs (heute) türkische Festland auswanderten. Unter Admiral Kilic Ali Pascha gelang gut 200 Jahre später eine Neubesiedlung mit Nachfahren der damaligen Exilanten.

Nunja – zwischen 1821–1829 (wir sind halbwegs in der Moderne angekommen) lieferten sich die heutigen Griechen und Türken mehrere Schlachten (untereinander) und Massaker (an der jeweils anderen Bevölkerung). Die Gegend war sowas wie Afghanistan, wo sich Frankreich, Großbritannien und Russland einen blutigen Stellvertreterkrieg auf Kosten der Einheimischen leisteten.

Paar Jahrzehnte lang gab es den einen oder anderen Ärger der Übergangslos in den ersten und zweiten Weltkrieg mündete, in dem Italiener, Engländer und Deutsche die Insel mit Fliegerbomben, Granaten und Fallschirmsoldaten erkundeten.

Heute findet Abrüstung nicht mehr über lange Verhandlungen der Kriegsminister untereinander statt – die wirtschaftlichen Eckdaten einer EU-Mitgliedschaft erlauben einfach keinen aufgeblähten Militärhaushalt mehr sodass Griechenland zumindest auf Samos einseitig abrüsten musste. Mit dem Ergebnis, dass die militärischen Beobachtungsposten (traditionell an den schönsten Aussichtspunkten angelegt) heuer völlige Makulatur und damit für den geneigten Besucher begehbar sind.


Ich konnte jedenfalls von so einem aufgelassenen Militärposten ein Panorama über Pythagorion und den Flughafen schiessen.

Pythagorion mit Flughafen (Klick mich für ein 360° Panorama)


Weiter ging es zum alten Kastell auf dem Hügel über Pythagorio. Diese Fluchtburg (Kastro) wurde unter vielen Opfern unter der Herrschaft Polykrates erschaffen. Letzterer ging irgendwann fürcherlich auf die Nerven und wurde (wie damals üblich) ans Kreuz genagelt.

Von der auch „Zyklopenfestung“ genannten Wehranlage ist heute kaum noch was übrig und die Reste zerfallen halt einfach vor sich hin. Das ist nunmal ein Problem von Griechenland als Wiege der Europäischen Kultur: die haben naturgemäss mehr schützenswerte Altertümer als zB. mein Heimatdorf.

Die alte Begrenzungsmauer der antiken Stadt Samos (heute Pythagorio), heute kaum noch sichtbar.

Zyklopenmauern - heute verfallen und vergessen

Von den alten Befestigungsanlagen aus hat man heute einen schönen Blick auf die Hafenstadt Pythagorion

Hier haben tapfere griechsche Soldaten aus allen Ländern im Wehrdienst über Jahrzehnte Ausschau nach dem türkischen Feind gehalten - stattdessen kamen Touristen

Eine schöne Synthese von alt und neu: zwischen den über 2000 Jahre alten Mauern der Zyklopenfestung wurde eine moderne Schießscharte etabliert.

Als überzeugter Pazifist wurde mir im Angedenken der über zweitausendjährigen Kriegsgeschichte dieses Ortes etwas schwummerig und bewegte mich schnellstmöglich wieder in Richtung Normalnull um irgendwo einen Ouzo zu trinken.

Leider bockte „Jimny“: der Jeep meines geringsten Misstrauens verweigerte eine Rückkehr aus der kurzen Übersetzung mit Vierradantrieb (die auf meinen Exkursionen notwendig war). Gezwungenermassen schlich ich mit Tempo 40 und jaulendem Getriebe im 5ten Gang in Richtung Heimat, immer wieder anhaltend um meinen vierrädrigen Esel doch noch zu einer den samiotischen Landstrassen angepassten Fahrweise zu verhelfen.

Nach vielen Klicks auf die Tasten der Elektronik des hochentwickelten Gefährtes (früher hatte man einfach 2 Hebel um das Getriebe in die gewünschte Stellung zu zwingen) siegte Mensch über Maschine und ich durfte wesentlich flotter weiterfahren.

Abendessen war für mich in einer der Tavernas im Hafen von Karlovassi. Diesmal suchte ich eine aus, welche überwiegend von Einheimischen besucht wurde. Kontakte kamen keine zustande, man war zu sehr beschäftigt über die EU und den schlechten Fischfang sowie die Qualität des Bieres zu diskutieren. Ich wurde vom ausgesprochen müde wirkenden Inhaberpaar sporadisch angefahren zwecks Aufnahme oder Lieferung meiner Bestellungen.

Zwischendurch sprach mich ein Afrikaner an ob ich nicht seine handgefertigte Holzschatulle kaufen möchte. Ich wollte nicht, bot ihm aber an mein karges Mahl mit mir zu teilen. Als Muslim verwehrte er sich dem Bier, aber der Islam erlaubt Reisenden glücklicherweise Ausnahmen 🙂

Beflügelt von Ouzo berichteten wir uns gegenseitig von unser Heimat und mit dem Hinweis „Its 6pm, thats the time my wife waits for me at home“ trennten wir uns lachend in aller Freundschaft.

Der Abend war gemütlich. Viel konnte ich nicht zum Gespräch Beitragen weil meine Erfahrungen eher Abstrakt als GPS Koordinaten, als Bilder auf dem Speicherchip oder einfach nur Erinnerungen an ein Gespräch waren.

Wichtiger hingegen an diesem Abend: Planung für den Aufstieg der Gruppe für die nächste alljährliche Gedächnistour: Hoch auf den Kerkis zum Vigla!

Dazu ist mehr hier zu lesen…

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