Samos 2010 – Tag 6

Ein Panorama hab ich bislang verschlabbert.. Wer das Terminal SMI verlässt guckt direkt auf so einen Hügel mit Warnlämpchen drauf. Ich hab mal den umgekehrten Weg gewählt und von da oben heruntergeknipst.

Blick vom Chora Hügel (Klick mich für ein 360° Panorama)


4:45 Uhr, Weckerklingeln.

Mittlerweile schaffe ich es, in der Badewanne ohne Duschvorhang Unfallfrei und ohne Überschwemmungen in Rekordzeit zu duschen. „Morgähn!“. Frühstück, die Sippe wieder quer über die Insel zur nächsten, ultimativen, „alle Jahre wieder“-Vigla-Wanderung gebracht.

Aus den zahlreichen Erzählungen meines geliebten Eheweibes sowie zahlreichen Fotos von Uli kenne ich die Gegend besser als meinen unaufgeräumten Schreibtisch und wie mein Kollege Martin so schön sagt: „Berge geniesst man am besten von unten bei einem frischen Bier“.

Beim Bürgerkriegsdenkmal habe ich die Gruppe verabschiedet, meine Frau nochmal geküsst (man weiss ja nie) und ich genoss in den nächsten 30 Minuten das, wofür die Wandervögel unter der geneigten Leserschaft nie Zeit haben: einen wunderbaren Sonnenaufgang.

Sonnenaufgang kurz davor...

... und da guckt schon jemand über die Berge

Aber um ehrlich zu sein… ich war froh, dass ich die Kamera per Fernauslöser aus dem Auto bedienen konnte – da oben pfiff frühmorgens ein Wind, bei dem sonst niemand freiwillig vor die Tür geht. Ich bedachte die Gruppe mit einem Stoßgebet und fuhr weiter nach Kosmadhei, um den Geheimnis des „Megalo Seitani“ Schildes nachzugehen, beziehungsweise nachzufahren.

Ich schloss mich in Kosmadhei einer einheimischen Pickup-Karawane an, welche die gleiche Richtung hatte. Kurz hinter dem Dorf stockte der Verkehr weil ein weiterer Feldarbeiter seine Fahrgelegenheit vermisste. Mit knappen Gesten verständigten wir uns, dass sein Arbeitsgerät seinen Platz mit 2 Pudeln auf dem Pickup vor mir teilen muss und er bei mir einsteigen kann. Er sprach ein Englisch, welches so lückenhaft war wie sein Gebiss – aber Raucher untereinander brauchen nicht mehr Worte als eine hingehaltene Kippenschachtel.

Die nächsten 10 Minuten ging es weiter im gemächlichen Tempo über relativ gut ausgebaute Schotterpisten mit bemerkenswerten Spitzkehren. Im undefinierbaren Nirgendwo zwischen Olivenhainen kam die Truppe zum Stop, mein Begleiter verabschiedete sich und hinterlies mir eine kurze, aber sehr ausgeschmückte verbale Beschreibung wie ich weiterfahren musste (rm rm left, attention! right hmbl hmbl right)

Gefühlte 2 Stunden später nach einer Fahrt über recht orginelle Schlaglöcher, Erdrutsche und Ausspülungen kam ich in einem gepflegten Olivenhain zum Halt. Vor mir der Touristentrampelpfad, der den Micro mit dem Megalo Saitani verbindet. Über den am Morgen recht glitschigen, über die Jahre von Touristenhorden ausgetretenen Kalkstein kam ich dann zum Micro Seitani.

Der Wind pfiff, der Himmel war so Grau wie das Meer – scheiss Zeit um einen der „schönsten“ Strände auf Samos zu geniessen (wobei ich den Verdacht habe, dass diese Ansammlung von groben Kies, Geröll und Meer nur dann interessant ist wenn man eine entsprechende Vorleistung in Form einer Wanderung erbracht hat und etwas gestresst ankommt).

Ich machte umgehend kehrt weil Schlafmangel, trübes Wetter und der triste Anblick dieser Reiseführerschönheit nicht nur meinen Inselkoller wiederbelebte sondern mich schlagartig in eine tiefe Depression trieb.

Vorsichtig quälte ich mich den Weg zurück um dann über ewige Serpentinen und schlechte Strassen zurück ins Haus zu fahren.

Mein Versuch mich mit griechischer Musik aus dem Autoradio etwas aufzuheitern war ein absoluter Fehlschlag: jeder Interpret auf jedem Sender versuchte, die jahrhundertelange Osmanische Herrschaft in seinen Gesängen mit Herzschmerzgeschichten zu verweben – entsprechend deprimierend klang das und ich bekam Heimweh nach DLR, DLF, HR-INFO, BR-5 (und was ich sonst hier im Autoradio empfangen kann).

Plötzlich erfasste die Sendersuche wohltuende Gitarrenklänge. Gerade liefen die letzten Takte des „Ritmico e cavalleresco“ aus dem Konzert für Gitarre und Orchester von Mario Castelnuovo-Tedesco um dann mit einer Interpretation von Duke Ellingtons „Caravan“ auf 3 mittelalterlichen Lauten und dann Jazzgitarrenkonzerten fortzufahren. Meine Laune stieg je weiter ich den Lautstärkeregler nach rechts drehen konnte.

An den nördlichen Ausläufern von Karlovassi angekommen kam dann aus den Lautsprechern auch ein Wortbeitrag. „Merhaba…. “ und ich knipste schnell das Radio aus. Der Sender war der türkische Sender „Radyo 3“ mit seiner ab 9:03 Uhr laufenden Sendung „Gitar Çeşitlemeleri“ („Gitarren Variationen“) und auf Samos gewiss ein Feindsender.

Ich schaltete komplett ab und landete irgendwie in meinem Bett.

Zwischenbericht Wandergruppe


Während sich unser Fotograf erneut auf die Suche nach interessanten Objekten begab, wollten die Wanderer unter uns den Gipfel des Kerkis, den Vigla, besteigen.

Mit dem Sonnenaufgang starteten wir unsere Tour am Bürgerkriegsdenkmal. Der hoffentlich letzte Brand in diesem Jahr hatte deutlich seine Spuren hinterlassen, die uns die ersten 25 Minuten begleiteten.

Danach folgte steiniges Gelände, und einige Hügel weiter zeigte die „Schöne“ wieder ihre grüne Seite.

Unser Gipfel-Azubi Peter ging strammen Schrittes uns Mädels voran, die neuen blauen Markierungen erwiesen sich dabei für ihn als sehr hilfreich.

Bald kam unser erstes Etappenziel, die Kapelle „Profitis Ilias“ auf 1190 m liegend in Sicht. Unterhalb der Kapelle befindet sich eine Quelle, die das Kloster Evangelistria mit Wasser versorgt. Nach kurzer Pause weiter zur Verehrungsstätte des Propheten Elias.

Steht ein Pferd neben einem Wegweiser

Dort herrschte überraschenderweise ein reger Betrieb: Kochende Frauen, spielende Kinder und Männer mit Jagdgewehren hatten sich dort eingefunden. Die werden doch keine harmlose Touristen schiessen? (Wie ich inzwischen erfahren habe, erlegt man dort eine Art Rebhuhn – verirrte Touristen eher versehentlich).

Weiter ging es über eine gut begehbare Ebene, gefolgt von Geröllfeldern, bis wir auch den letzten steilen Teil geschafft hatten und auf dem Gipfel standen. Peter war uns auch hier voraus geeilt und hätte uns nach unserem Befinden bereits einen Kaffee kochen können. Wo sind die Gentlemen, wenn Frau sie braucht?

Es war windig, Wolkenverhangen und kalt – kein ideales Gipfelwetter.

Gipfelglück in Groß und alle zusammen

Trotzdem waren wir froh, dass es keine Regenwolken waren denn ein Aufstieg bei instabiler Wetterlage kann böse enden, wenn man im Nebel die Orientierung verliert. So kann es vorkommen, dass man seine Route spontan ändern muß, wenn plötzlich aus einer Richtung Wolken aufziehen. Dies haben wir im Mai vom alpinen Kletterweg kommend erlebt.

Aber wir hatten Glück und konnten unseren getrübten Gipfelausblick genießen.

Gipfelglück (Fotos: Uli) (Klick mich für ein 360° Panorama)

Noch ein kurzer Abstecher über den Grad in Richtung des Zastana, dann stiegen wir wieder ab.

Zunächst auf dem gleichen Weg zur Kapelle Profitis Ilias und von dort in Richtung Kloster Evangelistria. Der Weg führt anfangs an der Küste entlang und geht anschließend weiter steil abwärts über ein Geröllfeld, das schwierig zu begehen ist. Hier sind Trekkingstöcke eine gute Hilfe, wie auch unser Bergazubi erkennen mußte. Nach dem Geröllfeld kamen wir zu einem guten Aussichts- und Rastplatz.

Blick auf Votsialakia (Bild: Uli)

Ca. 900 m unterhalb davon lag Votsalakia. Die Sicht war inzwischen besser geworden, da die Wolken sich wie so oft im Laufe des Tages auflösten.

Unser nächstes Etappenziel war das Kloster Evangelistria auf 700 m Höhe. Auf dem Weg dorthin überholte uns ein Hund der zuvor einen anderen Wanderer beim Aufstieg zum Vigla begleitete. Anscheinend gefiel ihm unsere Gesellschaft, denn vorauslaufend wartete er immer bis wir nachfolgten. Dabei hatte er es ganz besonders auf die Zuneigung von Uli abgesehen, die ihrerseits aus schlechter Erfahrung nicht so gut mit Hunden umgehen kann. Der Vierbeiner ließ sich davon aber nicht einschüchtern und legte sich am Kloster angekommen demonstrativ zu ihren Füßen nieder.

Blöder Hund... was mach ich nun mit Dir? (Foto: Karin)

Weiter ging es das letzte Stück abwärts auf einem alten Eselspfad bis zur neuen Fahrstrasse auf 400 m unterhalb des Klosters. Wir waren schneller als erwartet am Treffpunkt, also gingen wir die eher langweilige Schotterpiste weiter abwärts.

Dann kam auch unser blaues Jimny Taxi. War ich froh, meine Füße waren irgendwie platter als sonst. Überhaupt war ich mit meiner Kondition an diesem Tag nicht ganz zufrieden.

Unser Azubi aber hat zurecht sein Gipfeldiplom erhalten. Gute Leistung, Peter!


Wärend sich meine Gipfelstürmer also mit Geröll herumschlugen hatte ich eher ein „Morgenstund hat Blei im Mund“-Gefühl. Zweites Frühstück und dann nochmal der gleiche Fahrterror von der Nordküste zurück an die Südküste weil hier noch paar Stellen waren die zum Ablichten auf dem Plan standen.

Erstmal in Richtung Marathokampos, wo vorher ich einen Hügel erspäht habe von dem meine Kamera bestimmt eine schicke Aussicht hat. Hochgefahren und bin oben prompt auf eine Feuerwache gestossen die mich etwas misstrauische beäugte

„Just shooting fotos, everything is ok“. Einer der beiden Feuerwehrleute nickte und zog sich zurück wärend der Jüngere der beiden mich etwas belustigt aus dem Kabuff beäugte wie ich mit wehendem Hemdchen und Ultraleichtstativ an die Kante des Hügels ging. Ich hatte Mühe, bei den ständigen Sturmböen irgendwas zu stabilisieren bis der junge Kamerad mit einem Seil eingriff. Ruckzuck (es stellte sich später heraus, dass er auch gerne Fotografiert) hat er den Strick um den Hals des Stativs gelegt und kurzerhand einen der herumliegenden Steine fachmännisch am unteren Ende verknotet. Das Stativ war plötzlich 5 Kilo schwerer und stand wie ein Fels in der Brandung.

Als Kollege wusste er, was jetzt passiert und umkreiste mit mir die Kamera wärend das Panorama geschossen wurde. Nach dem obligatorischen Austausch von Kippen (Griechenland ist nunmal eine Rauchernation) und kurzem Fachgespräch war ich ehrlich gesagt froh wieder in den Windschatten zu kommen.

In der Nähe von Marathokampos (Klick mich für ein 360° Panorama)

Blick auf die Uhr… 13:05 Lokalzeit – die Gruppe soll ich gegen 17 Uhr abholen, genug Zeit also für noch paar Locations und dann mindestens 2 Stunden entspannt im Kohili abhängen.

Auf dem Weg zur Katsouni Bucht bin ich kurz vor Kallithea abgebogen und über dieses frische Exemplar einer Kapelle gestossen (wie gesagt: Griechen können über Nacht ganze Hotelkomplexe in die Landschaft stellen).

Kapelle zu Ehren des Unbekannten

Wer ist das?

Ich habe mal die Inschrift fotografiert, aber leider ist mein Griechisch zu schwach als dass ich erkennen könnte welcher Zeitgenosse des 20sten Jahrhunderts hier verehrt wird. Hilfreiche Leserzuschriften zum Thema sind willkommen! Der Text: „ΗΣΟΥΝ ΠΑΤΕΡΑΣ ΚΑΙ ΑΔΕΛΦΣ Ο ΚΑΡΔΙΑΚΟΣ ΜΟΥ ΘΙΛΟΣ ΜΟΝΟ ΠΟΥ ΔΕΝ ΣΕ ΓΕΝΝΗΣΑ ΜΑ ΗΣΟΥΝ ΤΟ ΠΑΙΔΙ ΜΟΥ ΜΕΣ ΤΗΝ ΚΑΡΑΙΑ ΘΑ ΣΕ ΚΡΑΤΩ, ΣΤΗ ΣΚΕΨΗ ΜΟΥ ΘΑ ΣΕ ΕΧΩ ΣΑΝ ΦΥΛΑΧΤΟ ΜΟΝΑΡΙΒΟ ΠΑΝΤΟΤΙΝΑ ΘΑ Σ’ΕΧΩ. ΕΛΕΥΘΕΡΙΑ“.


So, hier eine der vielen Buchten auf Samos mit orginal Meeresrauschen – ich hoffe, dem einen oder anderen Besucher eine Anregung für seinen nächsten Urlaub geben zu können.

Katsouni Bucht (Klick mich für ein 360° Panorama)

Und jetzt nix wie ab ins Kohili!

Nach paar Verfahrereien (die Samioten sind recht kreativ was Strassenverlagerungen binnen weniger Wochen angeht) kam ich endlich an. Die Wirtsleute erkannten meinen Stress und das erste Bier + Wasser stand nach lokaler Sitte zum Stressausgleich vor meiner Nase.

Koch Andreas experimentiert gerade mit Chilis aus eigenem Garten herum und gab mir ordendlich Sauce davon auf seine neueste Kreation: Schafskäse mit gehacktem Gemüse kurz im Ofen überbacken. Es war köstlich und forderte vorallem Chilisaucennachschub was zur Verköstigung einer sehr frisch angesetzten Charge führte.

Wirklich – sehr lecker, schwach-mild nach Zitrone und lokalen Kräutern schmeckend.

Als Andreas sah, dass es mir sehr schmeckte trabte er in den Garten (vermutlich 150 Höhenmeter unter dem Lokal) und brachte mir 2 Schoten seines neuesten Fundes: Türkisblaue Chilis. Ich knabberte vorsichtig daran, sie waren scharf aber in Häppchen geniessbar.

Ich bedankte mich artig und war so voll des Lobes über das Essen und die Sauce dass mein Niederländischer Nachbar das auch probieren wollte. Er war soweit Gentlemen dass er nach dem ersten Bissen ein „exzellent, sehr interessant“ ohne Rauchwölkchen herausquetschen konnte um sich danach an Brot und Wasser zu halten.

Mein Telefon quäkte. „Ankunft ca. 16 Uhr“ – eine Stunde früher als erwartet. Kommentar der Wirtsleute: „Das Problem mit dem Kerkis ist, dass die Leute auch wieder runter kommen“.

Ich bezahlte schnell und huschte zum Treffpunkt. Angeregt von den Gipfelgesprächen um mich herum hab ich mich etwas in Kambos verfahren um dann zu guter Letzt mit der Berggemeinschaft die Abendkost im Restaurant Votsalakia einzunehmen.

Nach Broteinkauf wieder zurück von Süd nach Nord, Ouzo, Bier, Wein, Koma…

Morgen ist ein neuer Tag…

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2 Responses to Samos 2010 – Tag 6

  1. Pingback: Samos 2010 – Tag 5, Teil 3 | Kurz notierter Käse von hier und anderswo

  2. pemo sagt:

    Da bist Du ja weit rumgekommen an nur einem Tag!

    Was den Mikro Seitani Strand anbelangt: ich finde den kleinen Strand schön und die Wanderung dahin von Potami aus geht ohne Stress durch herrliche Landschaften und Olivenhaine. Dauert meist nur lange wegen der vielen Fotomotive. Wobei: es ist tatsächlich so, daß bei dichter Bewölkung/grauem Himmel eine griechische Insel m.E. auch richtig langweilig aussehen kann. Nur ist es halt meist deutlich wärmer in Griechenland als hier bei uns bei grauem Himmel.

    Dieser neue farbenfrohe „Kapellenkomplex“ (mal kein Blau-Weiß!!!) am Feldweg von Kallithea hinunter zum Katsouni Strand ist uns auch aufgefallen. Sieht aus wie in einem Miniatur-Spielzeugland!

    Katsounistrand: wir waren nach unserer Kakoperato Tour am 11. Oktober dort: Mein Panoramaschwenk vom bewölkten spätnachmittaglichen, fast windstillen Katsounistrand inklusive akustischem Wellenbad ist bei YouTube zu finden.

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