Regisseure in Frauenkleidern (Teil 1)

Normalerweise stehe ich ja immer vor der Bühne und Kommandiere die Darsteller oben herum (Musicals „Jesus Christ Superstar“, „Tanz der Vampire“, „Anatevka“).

Als der Nidderbühne ausgerechnet zum 25jährigen Jubiläum die Männer ausgingen hab ich mir gedacht „ach, da muss ich nur mich selber dirigieren statt eine fast 200köpfige Horde von Darstellern, Chor und Technik“ und als meine alte Freundin Evi Diegel mir zusicherte, dass es ein Amateurtheater ist (ich habe nämlich so die Schnauze voll vom Spruch „… aber wir sind doch nur Laien„) hab ich spontan und 9 Proben vor der Premiere zugesagt eine kleine Rolle zu übernehmen.

Nämlich die des Bühnenhelfers und Souffleurs 😉

Der Auserkorene für die Rolle des „Frank“ ist dann abgesprungen und ich kann alles, ausser Text lernen. Zum Glück herrschen über das Stück „3 Tanten für Charly“ zwei Frauen als Regisseure und als verheirateter Mann folgt man brav dem, was Frau sagt – ich stammelte ein „Ja, ich will“ und hatte die Rolle damit entgültig am Hals.

Ich muss dazu sagen, dass mir die Zusage leicht gefallen ist.

Zum einen kenne ich die Nidder-Bühne und Evi mein halbes Leben lang (wenn auch mit vielen, langen Unterbrechungen). Zum anderen sind Martina „Zuckerbrot“ Sonntag-Blättermann und Simone „Peitsche“ Patter sehr motivierend und zuletzt (aber nicht als allerletztes) haben meine Kollegen ihr „Küken“ gut unter ihre Fittiche genommen.

Michael - unbeschreiblich Weiblich 🙂

Apropos Küken: ein weiterer Neuzugang bei der Nidderbühne ist mein Regisseurskollege Michael Ruppel, der genauso wie ich erstmal umdenken musste um vom Befehlsgeber zum Befehlsempfänger zu werden.

Jetzt galt es also „nur“ noch, meine Rolle zu lernen. Im Text keine Hinweise, was „Frank“ für ein Typ ist. Also dem Autor Jürgen Baumgarten eine E-Mail geschrieben wie er sich das so dachte (weil keine Rollenbeschreibung da war). Der meinte nur „Naja, frag Deinen Regisseur“ – prima, denn die haben das mir überlassen.

Das Probenwochenende hab ich leider verpasst (mein Urlaub auf Samos war leider nicht mehr umbuchbar), da hätte ich mit den Kollegen was bauen können.


Der Autor noch ohne Verkleidung (Foto: Henri Straub)

Aber zum Glück konnte ich mit meiner Bühnenliebe „Gaby“ (Margot Meiertoberens) unter der Woche nochmal proben, vorallem weil ich so schüchtern bin fremde Frauen anzufassen – und wir spielen schliesslich ein heisses Liebespaar 😉

Also in der Erinnerung gekramt und einen Mix aus Charleys Tante (mit Heinz Rühmann als „Tante“), The Birdcage (daraus Nathan Lane weil der auch etwas Übergewicht hat), To Wong Foo, thanks for Everything, Julie Newmar und Priscilla – Königin der Wüste geschaffen.


Meine Cousine Angelika kümmerte sich in bewährter Manier um Frisur und „albernen Hut“, Ausstattung (Klamotten, Schuhe) haben die Regisseusen mit uns Männer-Tanten persönlich eingekauft, Karin hat noch Schmuck für mich aus diversen Schatullen gezogen und ab gings!

Zwei falsche und eine echte Tante (Foto: Henri Straub)

Ja, ab ging nämlich bis zur Premiere mein geliebter Bart und vorallem der Ehering weil „Frank“ noch nicht verheiratet ist.

Ich hab mein Zottelgewächs Tag für Tag immer etwas kürzer geschoren und bei der Generalprobe war nur noch sehr wenig zu sehen.


Die Generalprobe war genretypisch – da „3 Tanten für Charly“ ein sehr schnelles und turbulentes Stück ist, müssen die Einsätze und Wechsel schneller kommen als der Ball bei einem Tischtennisspiel der Profiliga über den Tisch fliegt.

Das war bei den Proben bislang nicht so das Problem, aber als dann die Kulissen standen und keiner den anderen gesehen hatte mussten noch schnell diverse Geräusche, wirre Laute und Absatzklappern als Absprache vereinbart und einstudiert werden.


Premiere in der Windecker Willi-Salzmann-Halle….

Verzweifelte Tante (Foto: Henri Straub)

Also ich habs mir schlimmer vorgestellt. Ich hatte meinen Auftritt ganz am Anfang und danach bis zur Pause „Daumendrehen“.

Bei den Musicals hab ich hinter der der Bühne noch die Restkoordination an Licht, Ton, Technik, Aufgängen, Souffleur und Vorhang übernommen – hier war ich dermassen Arbeitslos dass ich die Zeit eher im Dämmerschlaf verbracht habe.

Flüchtende Tante (Foto: Henri Straub)

Meinen Auftritt als „Tante“ hab ich dann ganz passabel hinbekommen und war soweit „sicher“ in der Rolle, dass ich paar Experimente machen konnte um zu sehen, mit was ich aus dem Publikum noch einen Lacher mehr herauskitzeln konnte.

Bei der zweiten Aufführung am Sonntag war ich dann so entspannt, dass ich prompt aus dem Tritt gekommen bin. Simone und Martina haben mir dann in Stereo irgendwelche Sätze über die Bühne geworfen mit denen ich zwar nix anfangen konnte, aber brav nachpapperte und schon war die Raum-Zeit wieder geradegerückt (ich war nämlich in einen Text gerutscht der erst paar Akte später kam – unser „Charly“ (Manuel Bott) hatte mir im Vorfeld paar Stories erzählt, wie so eine „Aktverrutschung“ ausgehen kann.

Das Publikum war zufrieden und hat meine Darstellung oft gelobt.

Begrabschte Tante (Foto: Fred Bongartz)

Ich schäle mich aus meinem BH Größe 105, einer durchgeschwitzten Perücke samt nassen Kleid und Schal. Abbauen, Lagern und nächste Woche gehts in unsere Partnerstadt Gehren.


Ich bedanke mich bei meinen Kollegen Henri Straub für die Bilder von der Generalprobe und besonders bei Fred Bongartz für den genialen Shot von „Bernd in Action“


Presseartikel Hanauer Anzeiger vom 08.11.2010 über die Premiere


Es spielen:

Heike Kappes (Lieselotte), Wolfgang Platano (Willi), Evi Diegel (Ursula), Manuel Bott (Charly), Bernd Hohmann (Frank), Margot Meiertoberens (Gabi), Sonja Rosenbauer (Caroline), Norbert Brandl (Liebhaber), Nicole Klarr (Jutta), Michael Ruppel (Thomas), Simone Weissmüller (Silvia)


Restliche Aufführungen:

Samstag, 13. November 2010, 20:00 Uhr – Stadthaus in Gehren

Samstag, 27. November 2010, 20:00 Uhr – Comoedienhaus in Hanau
Karten gibt es bei Frankfurt Ticket: Online oder über die Vorverkaufsstellen oder bei mir.

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2 Responses to Regisseure in Frauenkleidern (Teil 1)

  1. Gabriele Naumann sagt:

    …die feminine Seite an Ihnen kannte ich noch garnicht…
    Das alles klingt nach sehr viel Spaß.
    Schade, dass Sie soweit weg wohnen, ich hätte mir die Vorstellungen auch sehr gern angesehen.
    Liebe Grüße aus Leipzig

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