Wildpark Büdingen

Der von uns am nächsten gelegene Wildpark neben der Fasanerie Auheim ist der Wildpark Büdingen – also mal schnell bei gutem Wetter Kameratasche gepackt und hingefahren.

Vom Parkplatz aus läuft man paar Minuten an pädagogisch sicherlich sinnvollen Schildern und Installationen vorbei. Als Opfer der in den 70er und 80er Jahren mit hoher Frequenz oszillierenden Richtungswechseln an den von mir besuchten Schulen bin ich gegen angeblich kindgerechte Schautafeln immunisiert worden und dachte so bei mir, dass man damit höchstens Kinder prägen kann welche noch nicht „www.google.de“ in die URL-Leiste ihres Browsers eintippen können (also noch vor dem Vorschulalter).

Vor uns eine kleine Gruppe, deren Kinder sich seit dem Weg vom Parkplatz in einer lautstarken Endlosschleife freimütig darüber äusserten, wie ihnen das Gerede ihrer Eltern auf die Nerven geht. Warum war jetzt nicht gerade ein Förster unterwegs, welcher dieses Problem mit paar gezielten Fehlschüssen aus der Welt schafft?

Gott wirds richten und schon tauchte das erste, sehr großzügige und mit einem Bachlauf sowie Bäumen und Rückzugshütte versehene Gehege des Wildparks vor uns auf – was den Redefluss der Kleinen endlich in ein altersgerechtes „Ach wie süüüüüß“ lenkte.

Das Damwild selbst lag dösend irgendwo auf der Wiese, völlig desinteressiert dass da Touristen sind. Aber die Betreiber des Wildparks bewiesen zumindest am Eingang ihre Bauernschläue und stellten einen Automaten auf, der gegen Einwurf harter Euros tiergerechtes Futter ausspuckte was wiederum die Kiddies zum Quengeln brachte, das Geräusch der Ausgabeschublade die Tiere neugierig machte und mir endlich gescheite Motive lieferte.

Damhirsch



Damhirsch (Albinoform)



Damkuh



Damkitz



Wir beschlossen danach, uns dem munteren Geplappere der Kinder zu entziehen und liefen den „kleinen Rundweg“ einfach in umgekehrter Reihenfolge wo wir zuerst am Rand der Streuobstwiesen (im Frühjahr noch etwas unansehnlich) vorbei kamen. Interessanterweise sind dort schon Vorboten einer Umzäunung mit stählernen Pfählen und massivem Stacheldraht zu sehen. Anscheinend wird dieser Besichtigungspunkt zur Erntezeit von zu vielen Besuchern betreten so dass man sie von diesem schützenswerten Kulturgut fernhalten muss.

Ich dachte mir nur, dass die Betreiber dieses Parks da irgendwie die Menschheit missverstanden haben – schon Adam hat willenlos nach dem Apfel gegriffen und daher muss es schon damals vorhersehbar gewesen sein, dass die Besucher die Bäume plündern werden.

Unser Weg führte stetig immer weiter in die Höhe, links von uns der Abgrund des Kälbertals mit den Gehegen. Es wäre alles noch zu verschmerzen wenn ich wenigstens 1x per Leistungskilometer irgendein Tier in die Nähe meiner Linse bekommen hätte oder wenigstens eine Bank zum Ausruhen gewesen wäre. Aber anscheinend ist dieser Teil des Rundwegs eher eine Verlegenheitslösung als wirklich geplant.

Ich wuchtete also mein Übergewicht inklusive der gesamten Fotoausrüstung immer weiter die Hänge des Vogelsberg hinauf, neidvoll auf die eine oder andere – aber gesperrte – Abkürzung ins Tal herab schauend. Sporadisch wurden wir fast von herunterrasenden Moutainbikern überfahren, aber wer sich als Wanderer in der Nähe eines beliebigen Höhenzugs wagt kennt das Spiel und kann das Brummen eines Nachtfalters sehr gut vom zornigen Brummen eines tollwütigen Abfahrtradlers unterscheiden.

Gockel

Oben am „Gipfel“ erwartete uns ein Kunstwerk in der Form eines Gockels, eine Schautafel, ein undefinierbares Klangkunstwerk und für mich ein akkurat abgesägter Baum dessen Stumpf zwar eine schmutzige – aber willkommene Sitzgelegenheit bot.

Wärend mein geliebtes Eheweib frisch wie eine junge Gazelle munter die Gegend erkundete war für mich erstmal Sendepause und verfluchte meine Fototasche dass man dort keinen Trinkbeutel integrieren kann und dass diese Seite des Rundweges a) weitestgehend ohne Tiere b) ohne Bänke und c) ohne Lesestoff ist.

Der Autor

Die Frage, ob wir nun den grossen oder nur den (angeblichen „kleinen“) Rundweg weitergehen entschied ich eindeutig für den „kleinen“, denn wenn es bislang nur aufsteigender Schotterweg war, wird dahinter noch weniger kommen.


Also herab ins Tal, wo ich rechter Hand des Weges endlich die langersehnte Bank erblickte.

Ich wähnte mich plötzlich in einem post-stalinistischen (oder frisch zur EU gekommenen) Land: man hatte den Weg wie einen alten Manta gut einen Meter tiefergelegt aber vergessen, irgendwas mit der Bank zu veranstalten. Ein angedeuteter Trampelpfad und Blutflecken an den Steinen bedeuteten mir, dass man nach Nutzung dieser Ruhebank erst recht eine Erholung benötigt.

Am Ende des Abstieges war ein hübscher Bach, eine Überdachung (wo ich schon ein Schild „Licher Bier“ herein halluzinierte), ein Gedenkstein und das Ganze in einer Umzäunung, deren Sinn ich nicht verstand.

Wärend ich ständig im Kopf herumrechnete mit welchem Einsatz, Umsatz und vorallem Gewinn zu rechnen wäre – würde ich denn hier am Wochenende einen Würstchenstand mit Getränken aufbauen – liefen wir gemütlich wieder in Richtung Auto.

Zahlreiche Lehrtafeln informierten unter anderem darüber, wie weit der Mensch im Vergleich zu verschiedenen Tieren springen kann. Bei letztgenannter Station war sogar eine mit Sand und viel Laub und Dreck gefüllte Weitprungbahn angesiedelt. Wäre interessant zu erfahren, wieviel diese kleine Anlage gekostet hat, was sie im Jahr an Unterhalt kostet und wie oft sie genutzt wird – ich tippe eher auf einen Totalverlust.

Von unten sehen die Gehege genauso leer aus wie von oben. Zwar pries eine Lehrtafel an, dass hier 4 Arten leben, aber nur das Damwild war mit Futter hervorzulocken, die Mufflons versteckten sich lieber im Wald und die Wildschweine hatten zu grosse Angst, dass ich mir eines davon schnappe und sofort in Braten umwandle. Von den angekündigten Rehen war ebenfalls nichts zu sehen.

Wieder zurück an der Ecke des Futterautomatens fragte mich eine polnische Familie, ob es weiter hinten (also von wo wir kamen) noch mehr Tiere gäbe. In Hinblick auf das mitgeführte Kleinkind habe ich im Interesse des Hausfriedens verneint und angeraten, schnellstmöglich wieder umzukehren.

Fazit: Der Rundweg ist so interessant wie ein toter Fisch (höchstens für Pathologen interessant), die Tiere werden so artgerecht gehalten dass sie hinreichend Ausweichmöglichkeiten vor den Touristen haben. Die Schautafeln sind nett aber der anbiedernde pädagogische Ton geht einem schnell auf den Sack (es laufen mehr Erwachsene als Kinder daran vorbei).

Tip für den Verein: Stellt am Anfang ein paar kostenpflichtige Schließfächer für Fotografen auf und lasst den Eintritt kostenlos, denn es ist umsonst.

Machts gut - und danke für das Futter!

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