Hoch preis ich mit vollem Pokale

Hoch preis´ ich mit vollem Pokale
die Heimat des köstlichen Weins!
Ich preise die Mosel im Tale
die herrliche Tochter des Rheins!
Stolz ragen die Burgen und grüssen
und reden von uralter Zeit
grüngoldig die Mosel zu Füssen
im ewigen Jugendkleid! (usw…)

Wein? Burgen? Her damit!

Trifft sich gut, dass meine Freundin Susi dort in Kur ist.

Zur Anfahrt wähle ich diesmal die direkte Route Frankfurt, Wiesbaden, grössere Umleitung, Mainz, Stau, Baustelle, Stau, Rheinböllen, Baustelle und dann gefühlte 20 Kilometer ein Baustellenfahrzeug auf der B50 im Überholverbot.

Irgendwann gings dann doch und ich konnte die Serpentinen herunter zum lieblichen Bernkastel-Kues schlingern. In einer der vielen Kurven blitzte rechts eines der vielen Panoramen der vielen Moselschleifen auf ehe mich der Burgbergtunnel umfasste und auf der anderen Seite wieder ausspuckte.

Rechts abgebogen geriet ich prompt in ein Krampfadergeschwader, welches stilecht mit weissen Tennis-Socken in Trekking-Sandalen bei Rot über die Kreuzung schlenderte.

Nun – Kurgebiete haben halt so ihre eigenen Sitten, darauf muss man sich als Automobilist einstellen und den guten Geschmack im Kofferaum (am besten noch unter dem Reserverad) verstecken.

Seltsamerweise legte sich der Touristentrubel sofort, als ich die andere Seite der Mosel erreichte.

Hier fanden sich nur verträumte Weinhäuser, Geschäftshäuser der umliegenden Weingüter, das „Mosel Wein Museum“ sowie das Finanzamt Bernkastel-Wittlich. Ob die Beamten dort den Zehnt noch in Moselwein vom Winzer entgegen nehmen?

Am Ziel angekommen musste ich erstmal das Reizklima wegstecken, welches sofort zu einem unbändigen Kaffee & Kuchen Appetit führte – und den konnte eine gelangweilte Dame im einzigsten Bistro weit und breit gegen einen sehr großzügigen Obolus stillen.

Natürlich erst, nachdem sie ihr Telefonat ordentlich mit „Was macht eigentlich Magritta? Achso! Ja, da hab ich gehört das….“ weitschweifig beendete und mir die Zwangsgelegenheit gab, ihr sonstiges Warensortiment an Zahnbürsten, Kondomen und Gleitcreme zu begutachten – das Reizklima scheint dem gesamten Organismus förderlich zu sein.

Nach dem Austausch der letzten Neuigkeiten und Kurgeschehen mit Susi wurden klare Ziele für den Nachmittag festgesetzt: Erstmal Moselaufwärts zu einem Panoramapunkt zum Fotografieren und Zeichnen, dann Essen auf der Burgruine Landshut, Abfahrt – dem Ingenieur ist nichts zu schwör.

Jesus

Man muss schon sagen: an der Mosel entlang zu fahren ist einfach ein Erlebnis. Links der Strom, rechts die herrlichen Weinberge, Weiden, Winzerlokale und Weinstuben.

Verwirrt von so vielen „W“s erblickte ich auf einem Felsvorsprung Christus am Kreuz, bereit zum Sprung in die Mosel um brave Flußschiffer aus den Fluten zu befreien. Erinnerte mich irgendwie an Acapulco.


Moselstaustufe Minheim-Wintrich (Klick mich für ein 360° Panorama)


Weinbergexpress

Und dann ab durch die Weinberge hoch zum Aussichtspunkt, der bereits von Moselweinsüchtigen aller Nationalitäten und Hautfarbe belagert war.

Überall klirrten die Gläser, Trinksprüche wurden erhoben und wäre das alles vor 100 Jahren passiert, hätte man bestimmt noch in weinseliger Runde ein paar Reime geschmiedet. So schnatterte man lautstark und belanglos über irgendwelchen Kram, der gestern in der Resteverwertungsanstalt RTL2 gelaufen ist.

Susanne hatte sich wärenddessen über die Leitplanke geschwungen, um sich auf dem warmen Tonschiefer niederzulassen welcher für diese Gegend typisch ist und ausgezeichnete Weine hervorbringt.

Moselschleife aus dem Blick von Susanne Döbbel

Moselschleife aus dem Blick von Bernd Hohmann (Klick mich für ein 360° Panorama)

Kurve

Der schnellste Weg zwischen zwei Punkten ist eine Gerade, der Schönste aber eine Kurve. Diesem Vergnügen entsprechend donnerten ständig Motorräder von unten nach oben oder von oben nach unten gefolgt von auspuffstarken Möchtegern-Rennfahrern.

Irgendwann setzte ich mich einfach neben meine Begleiterin, blendete alles aus und fand nicht etwa meinen Seelenfrieden sondern die Idee, dass hinter der nächsten Moselschleife ein noch phantastischerer Ausblick einzufangen wäre.

Nun – dort fanden wir nach längerem Suchen ein Kapellchen und einen Ausblick, der mit mehr Sonne, weniger Birken und weniger Wind sicherlich äusserst sehenswert gewesen wäre. So aber haben wir es drangegeben und ausserdem knurrte langsam der Magen.

Also wieder zurück nach Bernkastel-Kues, schliesslich wollten wir ja auf der Burgruine Landshut was essen.

Auf der Rückfahrt fuhren wir durch romantische Weindörfer wo uns alle paar Meter reichgeschmückte BierWeingärten zu einem Essen einluden. Wir blieben standhaft, fuhren die steilen Serpentinen hoch zur Burgruine – nur um dort anhand eines Aushangs festzustellen, dass das Lokal wegen einer Familienfeierlichkeit heute nicht für Normalsterbliche zugänglich ist.

Ob dieser Aushang wirklich noch aktuell war, haben wir nicht mehr erforscht sondern sind schnurstracks nach Bernkastel-Kues gefahren um notgedrungen irgendeine Touristenkaschemme mit Stil ausfindig zu machen.

Gelandet sind wir im ehemaligen Rathaus, welches heute eine Gaststätte beherbergt – umrundet von einem sehr schön restaurierten Marktplatz.

Marktplatz Bernkastel-Kues, aus der Hand geschossen (Klick mich für ein 360° Panorama)

Der Blick in die Speisekarte offenbarte High-End Küche mit High-End Preisen. Dazu eine recht gelangweilte männliche Bedienung welche nach längerem Verweilen im Innenraum endlich die Getränke hervorzauberte und sie erstmal durch die Tür warf. Um keine weitere Verschwendung von Lebensmitteln zu provozieren bestellten wir das Tagesgericht, welches mit 9,60 EUR erstaunlich günstig war (jedenfalls in Relation zum Rest der Speisekarte).

Hochwassermarke

Gesättigt und vom gröbsten Hunger befreit gings dann nochmal durch die Altstadt welche öfters mal vom Hochwasser geplagt wird. Endlich verstand ich: irgendwie müssen die hohen Versicherungsprämien erwirtschaftet werden.

Auf der Rückfahrt bin ich freiwillig durchs Kannenbäckerland gefahren. Das ist zwar ein Umweg, aber dort gibt es weniger Baustellen.

Steuersparmodell anno Dunnemals

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