Tage wie diese….

Halbwegs ausgeschlafen nach einem kargen Frühstück erstmal zum Zahnarzt zur Kürettage, zweite Sitzung „Unterkiefer“. Nachdem ich beim letzten Mal im Oberkiefer mit der üblichen Dosis Ultracain noch mehrere Tage Schmerzen an den Einstichstellen hatte, bat ich um Verringerung der Menge. Skepsis beim Herrn Doktor, erst mein Machtwort „Ihre Frau Großmutter hat mir die Schneidezähne ohne Betäubung heruntergeschliffen“ (Insider wissen nun, bei welcher Zahnarzt-Dynastie ich war) ergab ein Einlenken samt Gemurmele „Normalerweise nimmt man zwei Ampullen, aber …“

Dank Helferin Anna (jung, blond, sehr beruhigende mütterliche Rundungen und Stimme) ist der Eingriff auch gemütlich verlaufen. Unter dem prallen OP-Licht bin ich paarmal eingepennt und mit dem Gefühl im Meer vor Hawaii zu ersaufen aufgewacht weil sich irgendwo im Rachen etwas Wasser gestaut hat.

Erstaunlich frisch nach der Prozedur bin ich zur Termintheke gestiefelt um nochmal über zwei Termine (Nachkontrolle, Füllung flicken) zu feilschen als eine kleinere Dame mittleren Alters mit schwarzem Haar und Nasenringpiercing und im Gefolge ein großer, junger Teddybär die Praxis betraten.

Offensichtlich unter leichtem Schock stammelte sie etwas von „Auto angestossen, vor der Tür, IT…“ – Oh, das war ich. Erstmal die Dame beruhigt, Austausch von Adressen, geduldiges Anhören des Geschehens, meine Zahnarzttermine fertigmachen und dann endlich raus zur „Unfallstelle“ wo ausser einer angeknacksten Kennzeichenhalterung (die eh schon verbogen) nichts zu sehen war. Da ich im Anschluss eh zu einem meiner Kunden mit angeschlossener Karosseriewerkstatt musste hab ich die Beurteilung des Schadens einfach vertagt und der Dame Rückruf zugesichert.

Die Fahrt nach Hanau passte prima in das bisherige Chaos: auf der B45 war zähfliessender Verkehr wie zur Erntezeit, nur dass weit und breit kein Traktor zu sehen war. Die Ursache hab ich kurz vorm Kunden gefunden: ein kleiner Diakonie-Bus der einen anderen Diakonie-Bus abschleppte ohne dass der Hintermann die Warnblinkanlage an hat. Da die B45 zwischen Bruchköbel und Hanau immer noch (wegen Bauarbeiten) einspurig ist, zog sich der Stau hin.

Kollege Bache von der Fa. Oschwald schaute sich den Schaden an. „Da ist die Kennzeichenhalterung kaputt und sonst nix, der Rest ist Steinschlag und die Motorhaube müsste mal justiert werden damit sie ordentlich aufliegt“. Hm – für sowas hab ich einen anderen Kunden der das als offizielle SEAT-Werkstatt bestimmt auch gut kann (und ich in der Zeit dort Geld verdienen werde :-)) Der Kaffee von Herrn Bache schmeckte wie immer ganz prima und entfaltete wie immer seine Wirkung.

Also Heim und endlich das Projekt „Briefkasten“ angegangen. Mein alter Briefkasten hatte das Problem, dass der Zeitungsschacht bei Regen eher einer Tropfsteinhöhle glich und meine Morgenzeitung daher (mangels Butler, der das trocknet und bügelt) gerade ausserhalb des Sommers eher tropfnass auf dem Frühstückstisch lag. Mein geliebtes Eheweib hat daraufhin einen schicken, pseudo-antiken Briefkasten mit Zustellungsflagge, großem Volumen und Zeitungsröhre für 100 EUR bei eBay erworben. Man müsste „nur“ den alten Briefkasten demontieren, zwei Löcher ins Fundament bohren, Gewindestangen zuschneiden, Löcher (20-25cm Tiefe) bohren, die Gewindestangen einzementieren und den Briefkasten daran festmachen.

Den Briefkasten habe ich weitestgehend Unfallfrei zusammenbauen können (da lag nichtmal eine IKEA-Bauanleitung dabei sodass dieser Hersteller mit Sicherheit keine Invasion auf die Erde plant), Werner Reber sorgte für eine ansprechende Beschriftung und dann lag das erstmal im Büro bis sich die Gelegenheit ergab, einen Gewindestab 16mm samt Schrauben und Unterlegscheiben sowie einen Topf mit 1KG „Racofix“ zu organisieren (das war der Lieblingszement meines alten Herren der Betonieren sportlich als Kampf gegen die Elemente sah).

Da der Wetterbericht im Autoradio eher schlechteres Wetter ankündigte und meine Frau schon drohte, die Briefkastenbaustelle im Keller zwischenzulagern („Aus den Augen, aus dem Sinn“) habe ich Kaffeegedoped meinen Freund KC angerufen, abgeholt und erstmal Material aus dem Keller an die Aussenbaustelle gebracht. Bohrschablone gemalt, 8er, 10er, 12er und dann „die Mutter aller Bohrer“, meinen 30cm 16er Steinbohrer angewendet.

Erstaunlich wie meine Vorfahren gebaut haben. Nach der Auflage aus irgendeinem verklebten Granitsplitt förderte der Bohrer erst irgendeine dicke Zementschicht, danach irgendwelche Tonsedimente und am Ende Erde hervor womit sich der Bohrer zum Schluss recht schwer tat. Egal – die auf 25cm zugeschnittenen Gewindestangen forderten ihren Tribut und so haben KC und ich uns abgewechselt beim Bohren und Bohrer mit dem Messer sauberkratzen (weil die Erde im Bohrloch unten sofort nachrutschte und wir das mit heissem Bohrer erstmal trocknen und stabilisieren mussten).

Danach war es wie im Märchen: Racofix anrühren (das braucht weniger Wasser als ich dachte), auf die Gewindestange schmieren, einhämmern und warten bis es bei 5°C aushärtet. Einen Zigarillo später haben wir vorsichtig den Briefkasten aufgesetzt – @!$§&! Bei der Planung wurde übersehen, dass die Mauer unter dem Briefkasten ein Gefälle hat was sich über die Stange des Briefkastens zu einer unübersehbaren Schieflage ähnlich des Bundeshaushaltes manifestierte.

Glücklicherweise konnte es perfekt ausgeglichen werden, in dem man auf einer Seite eine Mutter unterlegte. Dafür lag die Verantwortung über „kippen oder nicht kippen?“ auf einem sehr schmalen Streifen des Briefkastenfuß auf der anderen Seite. Erstmal KC nach Hause gebracht und mich in meine Denkerklause (aka Wohnzimmersofa) zurückgezogen. Was wäre, wenn man einfach Racofix unter die Fußplatte schmiert, Überstände abstreift und gut ist.

Wie gesagt: Mein Vater war Meister im Betonieren und die Entsorgung seiner Gewerke hat mich ein Vermögen gekostet. Was passiert, wenn in 10 Jahren ein ander Briefkasten installiert wird? Dann muss ich den Sockel wieder abhauen und das wird nicht ohne grössere Kollateralschäden abgehen.

Des Rätsels Lösung: Frischhaltefolie. Die habe ich auf den Untergrund gelegt und ein Loch für die Schrauben gepickt. Racofix mit lauwarmen Wasser angerührt und gewartet, bis das anzieht. Dann ordentlich davon auf die Folie geklatscht, Briefkasten aufgesetzt, angeschraubt und über der Folie das herausquellende Material entfernt. Weiter anziehen lassen, dann wieder Briefkastensockel entfernt, Folie um das Zementgebilde geschlagen, etwas weiter aushärten lassen und dann alles Endmontiert wärend im Büro das Telefon klingelt – jetzt aber mal schön alles nacheinander, alter Mann kein D-Zug.

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft und nun ist Zeit, sich um den Anrufer zu kümmern. Das Display meiner DX6000A hat den Anrufer als „Der Sportler GmbH“ aus dem hohen Norden identifiziert. Nanu, will da jemand meine Fotos haben? Also mal zurückrufen und den ich an der Strippe hatte wusste sofort um was es ging: Nämlich meine Stoppuhr die ich mir via Amazon angeschafft habe um bei der Handball-Fotografie auch ohne Zeitnehmerdisplay zu erfahren wie lange die Halbzeit noch geht und vorallem, wann ich wieder von der 10min Zigarettenhalbzeitpause Abschied nehmen muss.

Der Chef dort war etwas angesäuert weil für Nidderau bei zwei Paketen die Adressaufkleber vertauscht wurden und nun eine mir unbekannte Dame meine Stoppuhr hat und ich erstmal nach dem Verbleib der bei mir zugestellten Trainingsmatte forschen muss. Denn im alten Briefkasten war keine Zustellbenachrichtigung und die Zusteller hier wissen eigentlich was zu meiner Mieterin und was zu mir gehört. Das System bei der Sportler GmbH spuckte aber aus, wer unterschrieben hat – es war der Nachbar zwei Häuser weiter den Berg rauf.

Also erstmal dort hingestiefelt, ein ziemlich großes Paket abgeholt und dann beim eigentlichen Empfänger (die Telefonnummer wurde mir mitgeteilt) angerufen. Das war aber eine Firma im Nachbarort und die Zentrale konnte mir nur sagen, dass Frau K. schon Feierabend hat und keine Mobilrufnummer bekannt ist. Den Benachrichtigungszettel hab ich dann auch gefunden: der war bei meiner Mieterin im Briefkasten etwas unglücklich an die Seite geknautscht – wenn man nicht weiss, was man sucht eher nicht findbar. Muss mal ein ernsthaftes Wort mit meiner DPD-Zustellerin reden (oder wer immer an dem Tag zuständig war).

Also morgen mal Postzusteller spielen und bei meiner Tour nach Heldenbergen das Paket abliefern. Was tut man nicht für einen netten Kaufmannskollegen… 🙂

Bislang alles recht spassig, einzig weh getan hat es mir alle Werkzeuge wieder in den Keller zu räumen. Vielleicht sollte ich doch eine Dependance der Werkstatt im Wohnzimmer installieren, denn in der Küche droht demnächst ein neues Abenteuer.

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2 Responses to Tage wie diese….

  1. opatios sagt:

    Der Bericht von der Mailbox-Installation macht ein Kopfkino vom Feinsten, da kommt keine Handwerker-Dokusoap mehr mit. 😉
    Hast Du schon ein Zweitgewerbe angemeldet? So a’la
    „Bernd Hohmann Montagen, Beton & Estrich“ (BHoMBE)? 😉

  2. Bernd Hohmann sagt:

    Zum Glück gehöre ich noch zu der Generation, die mit Bohren, Gipsen, Dübeln aufgewachsen ist. Das rettet mir auch als Sysadmin öfters mal den Arsch wenn auf brüchigem Untergrund irgendwelche Leitungsrohre und WLAN-Router angebracht werden müssen.

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