Politikverdrossenheit

Ich hab heute in meiner Lokalzeitung einen großen Bericht über die Bürgermeisterwahl im Nachbarort Neuberg gelesen. „ju“ (Jutta Degen-Peters) hat prima geschrieben, der Artikel war wirklich nicht langweilig und hat auch autentische Stimmen eingeflochten.

Zum Beispiel dass der Wahlleiter eine Wahlbeteiligung von 43,89 Prozent die Teilnahmequote als „beschämend“ bezeichnete.

Jo. Kann ich zustimmen, Schande über die Neuberger Wähler.

Naja – es stand letztendlich „nur“ die Neuwahl der Bürgermeisterin (SPD) dort an, welche im Gegensatz zu 2008 ausnahmsweise einen Gegenkandidaten hatte.

So weit – so gut. Ich bin es in Nidderau seit ca. 1970 gewöhnt von der SPD „regiert“ zu werden. Damit kann ich prima leben weil der erste Bürgermeister von Nidderau ein gestandener Verwaltungsfachmann war, dann kam ein Intermezzo mit einem Wullegänsie welches durch Gerhard Schultheiss (ebenfalls langjährig Verwaltungsfachmann) recht schnell beendet wurde. Viel was anderes können andere Parteien hier auch nicht machen, das weiss man und daher gibt es nur selten Gegenkandidaten – man kann sich die Wahl wirklich sparen.

Und da ich vor langer Zeit auch Wahlhelfer war, weiss ich wie das so abgeht bei der Auszählung.

Im Wahlkreis Eichen hat die alte Annemarie bei jeder Stimme für die SPD einen jauchzenden Orgasmus „SCHON WIDDER EINE FÜR UNS!!!“ abgegeben, der zuständige Ortswahlleiter (ebenfalls SPD) hat das „z.K.“ genommen, mein Einwand dass es bei der Auszählung stört wurde dezent abgebügelt.

Paar Wahlen später in Windecken: kaum war das Wahllokal geschlossen, rotteten sich die Sozen um den Ortswahlleiter (SPD) zusammen, er verkündete mit erhobener Stimme und geschwellter Brust „Nun, da die Wahlhandlung abgeschlossen ist können wir uns ja wieder politisch offenbaren“ (ach?), alle klappten das Revers an ihrem Jackett zur Seite worunter ein bislang sorgsam verborgener Button „Wählt Gerhard Schultheiss“ zum Vorschein kam. Nur mein Eid auf das Wahlgesetz hat damals verhindert, dass ich das gesamte Pack auf die scharfe Kante der Wahlurne geschmissen habe um sie aus dem Genpool der Menschheit zu entfernen. Man stelle sich vor, solche Idioten bekommen Kinder?

Vermutlich ist das letzte Woche in Neuberg genauso gegangen wie bei mir vor mehr als 20 Jahren.

Sinngemässes Zitat aus dem Hanauer Anzeiger: „Die neugewählte alte Bürgermeisterin dankte dem Gegenkandidaten und betonte ‚Es gehört zu einer guten Demokratie, gegen Gegner anzutreten‚“. Erinnert mich an meinen leider zu früh verstorbenen Schwiegervater, ebenfalls ein überzeugter Sozi und ab und an auch stellvertretender Bürgermeister in Langen-Bergheim. Der hat auch immer stramm vom „politischen Gegner“ (den es eigentlich nicht gab weil alle zusammengearbeitet haben) gesprochen, dass er dabei allerdings nicht lautstark die Hacken zusammengeknallt hat wunderte mich immer wieder.

So… Und Zu einer guten Demokratie gehört es, gegen Gegner anzutreten.

Δημοκρατία („Herrschaft des Staatsvolkes“) ist die Herrschaft durch die Allgemeinheit und dort gibt es keine „Gegner“ sondern lediglich Opposition. „Politische Gegner“ waren das, was Stalin, Hitler und andere Diktatoren konsequent ermordet, erwürgt, lebend in Löcher geschmissen, dann zugebuddelt oder in irgendwelche Gulags und Arbeitslager geschafft haben.

Im vernetzten 2014 kaum Vorstellbar, dass noch jemand solche Begriffe nutzt (naja, jenseits des Limes läuft die Zeit von je her langsamer).

Im Artikel des HA geht es jetzt munter weiter durch die abschliessende Wahlparty, zitiert wird der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Degen mit Adressat Bürgermeisterin: „Der haushohe Sieg ist ein sehr authentisches Ergebnis für dich, die mit Leidenschaft hier lebt und Politik macht“.

Kopfrechnen schwach, also Taschenrechner. Frau Bürgermeisterin hat von 100 Mitbürgern 82,6 Stimmen auf sich gesammelt, dh. 100-82,6=17,4 wollten sie nicht. Es haben aber nicht 100 Bürger gewählt, sondern nur 43,89. Davon gehen jetzt 17,4 (von mir aus „die politischen Gegner“) ab bleiben 26,49 pro 100 Bürger übrig welche ihr zugestimmt haben. Bei einer im Artikel genannten Zahl von Wahlberechtigten in Höhe von 4279 hat sie also einen Rückhalt von 1133 Bürgern, das ist vermutlich auch gerade mal die Mitgliederzahl der SPD in Neuberg bis hoch zu den Greisen.

Dass unser Landrat Erich Pipa (ratet mal, natürlich SPD) das Ergebnis als „phantastisch“ bezeichnete – keine Ahnung was er geraucht hat aber ich will es auch haben.

Mit solchen Sprüchen kann man die „alten Genossen“ beeindrucken, mich nicht. Wenn mir der Kram hier nicht mehr passt ziehe ich mitsamt KfZ-Kennzeichen und Ortsrufnummer woanders hin.

Dejure brauchen wir keine Wahlen mehr sondern nur noch eingesetzte Geschäftsführer die sich um die „Stadt GmbH“ oder „Deutschland AG“ kümmern.

PS: Zu unserer Bürgermeister-Direktwahl gehe ich auch nicht. Ich mag unseren Bürgermeister sehr weil er seinen Job gut macht. Aber sobald ich meine Stimme für ihn abgebe werden seine Parteigenossen wieder jubeln dass es nur *ihr* Verdienst war. Nidderau wählt seit 1972 über den Umweg der Partei seinen Bürgermeister und nicht umgekehrt.

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