Lesekompetenz

Dass es um die Lesekompetenz gerade in sogenannten „Fachforen“ äusserst schlecht bestellt ist, sollte mittlerweile allgemeines Wissen sein. Je „professioneller“ das Forum, um so weniger beschäftigt man sich mit dem eigentlichen Problem sondern versucht schnellstmöglich das Thema auf ein Gebiet zu lenken, auf dem man sich selber gut auskennt.

Wer beispielsweise in einem Gartenforum nach der Pflege seiner Topfpalme um Hilfe bittet, der bekommt den Hinweis dass ein Birnbaum wesentlich pflegeleichter ist und wird mit guten Ratschlägen rund um Bäume und ihrer Schädlinge beglückt.

Oder wer ein fest vorgegebenes Szenario im Bereich EDV hat (typisch sind hier teure Mess- und Auswertungssysteme die nur unter Windows 95 or XP laufen) der bekommt sofort den Ratschlag, aufgrund Sicherheitsbedenken umgehend auf Windows 7 oder neuer umzustellen. Das ist zwar nett gemeint – hilft dem Ratsuchenden aber keinen Millimeter weiter.

Dass wenigstens professionelle Journalisten (also Leuten, die für das Lesen, Interpretieren und Schreiben eine entsprechende Ausbildung haben und für diese Tätigkeit einen Obolus einnehmen) wenigstens 2-5 Minuten Zeit für eine kleine Recherche aufwenden ehe sie ihre Schlagzeilen in die Welt setzen, sollte Ehrensache sein – real werden die meissten journalistischen Texte wohl nur noch per Copy & Paste von Links nach Rechts ohne Umweg über das Hirn produziert.

Und selbst wenn man direkt an der Quelle sitzt (also zb. selber das Interview geführt oder eigene Recherchen gemacht hat) kommt oft spekulativer Blödsinn dabei heraus.

Als ich gestern Überall (also Radio, Zeitung, Onlinemedien) Spekulationen über einen Rücktritt unseres Finanzministers Schäuble vernommen habe, dachte ich mir „kann alles nicht sein – den Mann muss man mit den Füssen zuerst aus dem Parlament tragen“ und suchte nach der Quelle. Verwiesen wird auf ein Interview mit Wolfgang Schäuble welches in der aktuellen Print-Ausgabe „Der Spiegel“-Postille zu lesen ist. Online hab ich zuerst nichts gefunden, aber dann vage Hinweise auf die englische Online-Ausgabe des genannten Magazins. Und da liest man folgendes:

Schäuble: Divergent opinions are a part of democracy. In such a case, you jointly hash out a solution. In that process, everyone has a role to play. Angela Merkel is chancellor and I am the finance minister. Politicians‘ responsibilities come from the offices they hold. Nobody can coerce them. If anyone were to try, I could go to the president and ask to be relieved of my duties.

SPIEGEL: Are you thinking of doing so?

Schäuble: No. Where did you get that idea?

So steht das auch in etwa in einem SPON Artikel:

„Politiker haben ihre Verantwortung aus ihren Ämtern. Niemand könne sie zwingen, gegen ihre Überzeugungen zu handeln. Wenn das jemand versuchen würde, könnte ich zum Bundespräsidenten gehen und um meine Entlassung bitten“

Der fette Konjunktiv von Schäuble muss einen schon stutzig machen und er erklärt sich im folgenden Satz, den SPON dezent unterschlagen hat und damit das Märchen vom Rücktritt losgetreten hat: die Frage, ob er denn über einen Rücktritt nachdenke wurde ganz klar mit „Nein, wie kommen Sie darauf?“ beantwortet (Auf Badisch vermutlich „Was rede sie da für oin Scheissdregg?“)

Und so kommen dann Schlagzeilen wie „Wegen Griechenland-Krise: Wolfgang Schäuble spricht über Rücktritt“, „Schäuble deutet Rücktrittsgedanken an“, „Schäuble spielt mit Rücktritt“ in allem Medien zusammen.

Ei ei ei…

Update 20.07: Die angebliche Rücktrittsdrohung geisterte heute noch durchs HR-Inforadio (und durch andere Medien bestimmt auch noch). Ich konnte mich nicht von dem Gedanken trennen, dass der Rest der Berichte genauso schlampig recherchiert wurde…

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