Die Achse des Blöden

Ich habe nun wirklich alle Blogs und Foren abgegrast, die sich mit dem Thema „Sauerteig“, „Roggenbrot“ und „Brot im Allgemeinen“ beschäftigen.

Auffallend ist, dass fast alle Blogger und Forenschreiber die alte von den Nazis propagierte Ideologie des „nahrhaften Vollkornbrots“ (also letztendlich ein mit wenig Aufwand gemahlenes Roggenmehl als Brotgrundlage) priorisieren.

So mit dem üblichen Tamtam „volles Korn und damit für den Körper wichtige Vitalstoffe“, die sicherlich folgenden Beschwerden über Blähungen und Übelkeit werden dann im nächsten Forum in ähnlicher Qualität „kuriert“.

Auch die „Spontansäuerung“ von Roggenmehl (ein nicht wirklich gut kontrollierbarer Prozess, den schon die alten Ägypter vermieden haben in dem sie ihre Sauerteigkulturen über lange Zeit pflegten) gehört zu einer der ideologischen Grundsäulen in diesen Foren – wer das Wort „Hefe“ erwähnt wird gesteinigt, gevierteilt und im toten Meer versenkt.

Letztendlich ist so ein Sauerteig eine stabile Kultur aus Brauhefe und Milchsäurebakterien, wer das Pech hat, eine Spontansäuerung mit unkontaminierten, sauberem und kontrolliertem Industriemehl aus dem Supermarkt zu probieren scheitert regelmässig und gibt auf (oder macht einen Ökotrip durch die Region, kauft für vergleichsweise viel Geld verschiedene Bio- und Ökomehle bis er eines findet welches mit hinreichend Mikroorganismen für einen Sauerteig „verseucht“ ist)

Man kann aber auch Roggenmehl, einen Krümel Backhefe und einen Löffel Buttermilch fürs Mehl nehmen – nach 3x „füttern“ hat man eine äusserst robuste Sauerteigkultur. Dieses Rezept findet man in keinem Forum weil es ausserhalb der reinen Le(e/h)re steht.

Genauso wie die Mehrstufenführung des Brotteigs: Rein technisch geht es darum, aus einer winzigen Menge von Sauerteig aus dem vorherigen Ansatz durch „Fütterung“ mit Mehl und Wasser über mehrere Stufen die Kultur zu vermehren. Das war wichtig in „schlechten Zeiten“ als man nicht an jeder Ecke frische Hefe bekommen hat, aber heute rein technisch eher ohne Belang.

Es scheint aber einer recht grossen Menge unserer Bevölkerung eine grosse Befriedigung zu bieten, sich den Launen eines Einzellers vom Stamme Saccharomyces cerevisiae unterzuordnen…

Wie inkompatibel die Realität „innerhalb eines Forums“ zum echten Leben ist, zeigt sich auch daran, dass Naturwissenschaftler oder Bäcker dort nur eine sehr kurze Verweildauer haben.

Ich habe mir leider nicht den Link gemerkt, wo in einem Forum ein Bäckermeister mit einer Waldorf-Hobbybäckerin versuchte zu diskutieren. Der Meister verlor, verzog sich freiwillig und überlies das Forum wieder den Fliehkräften des Schwachsinns.

Es ist auch spannend zu beobachten, wenn in den Foren hochgelobte Gurus mit den durchaus realistischen Relevanzkriterien der Wikipedia in Konflikt kommen wie zb hier.

Ich glaube dass es unnötig für mich ist, mir in irgendeinem der Brotbackforen einen Account anzulegen damit ich selber schreiben kann – die Zeiten, wo ich ideologisch festgefahrenen Vollpfosten „Erste Hilfe“ leisten versuche und diskutiere sind vorbei.


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